Die Kraft der Stille

Verabredungen, Freizeitprogramm, Hobbys: Sozialer Stress gehört zum modernen Alltag wie das Smartphone in der Tasche. Dabei vergessen die meisten die wichtigste Person in ihrem Leben: sich selbst. Warum Stille so wichtig für die Gesundheit ist und mit welchen Tricks man Alleinsein lernen kann.

Endlich Feierabend! Ich atme tief durch, die Luft ist kalt, mein Atem formt beim Sprechen kleine Wolken. Ich bin auf dem Nachhauseweg und telefoniere noch kurz mit einer Freundin. Zu Hause angekommen, stecke ich den Schlüssel ins Schloss, drehe und halte inne. Es ist abgeschlossen. Das bedeutet, niemand sonst ist da. Ich spüre Erleichterung, werfe meine Schuhe in die Ecke und lasse mich aufs Sofa fallen. Endlich alleine! Endlich ein paar Minuten, in denen ich für mich sein kann. Der Tag hatte mit einem lauten „Pling“ des Terminkalenders begonnen, dazwischen lagen nicht nur Konferenzen und Termine, sondern auch ein Lunch, Gespräche mit Freundinnen und ein Gruppenkurs im Fitnessstudio. Ich seufze und strecke mich. Was für ein Tag! Bei all dem sozialen Stress vernachlässigen wir oft die wichtigste Person in unserem Leben: uns selbst. Wir vergessen, wie gut es tut, Zeit mit uns selbst zu verbringen. Dieser positive Effekt ist mittlerweile auch wissenschaftlich erwiesen.

Psychologen haben herausgefunden, dass Alleinsein eine unterschätzte Ressource ist. Sie sprechen von einem „Deaktivierungseffekt“. Wer sich bewusst Zeit für sich nimmt, kann seinen Gefühlshaushalt besser regulieren. Der Körper entspannt sich und baut Stress sehr viel besser ab. Schon nach 15 Minuten erleben aufgewühlte Menschen laut Forschern einen wohltuenden Effekt. Neben den gesundheitlichen Folgen fördern Phasen selbst gewählter Einsamkeit die Kreativität. Die Schriftstellerin Sara Maitland verweist in ihrem Ratgeber „How to be alone“ (Wie man alleine ist) auf zahlreiche Prominente, die Alleinsein als Quelle von Inspiration nutzten. Schauspielerin Greta Garbo ging sogar so weit, ihre Karriere mit 35 Jahren zu beenden. Sie zog ein Leben abseits des sozialen Trubels vor.

Wer sich im Alltag bewusst Zeit für sich nimmt, lebt zufriedener und gesünder, sorgt sich im positiven Sinne um sich selbst. Auch wenn das andere vor den Kopf stoßen mag, bedeutet es nicht, dass man sich von Partnern oder Freunden distanziert. Im Gegenteil: Wer gut mit sich auskommt, führt auch bessere Beziehungen zu anderen Menschen. Wichtig dabei ist, dass man sich bewusst für Phasen des Alleinseins entscheidet. Wer es unfreiwillig ist, erlebt diesen Zustand oft als negativ. Doch auch das lässt sich ändern. Psychologen raten dazu, das Alleinsein regelrecht zu üben. Ein guter Anfang ist es, das Handy auszuschalten. Denn nichts lenkt uns so sehr von uns selbst ab wie digitale Medien und soziale Netzwerke. Wem es gelingt, sich auf sich zu konzentrieren, macht aus dem Gefühl von Einsamkeit schnell eine lustvolle Me-Time. sl //

3 Tipps, wie die Me-Time gelingt

Sich bewusst Zeit nehmen: Blocken Sie sich eine Verabredung mit Ihnen im Kalender, auch wenn das auf den ersten Blick ungewöhnlich klingt. Kochen Sie sich ein schönes Abendessen, nehmen Sie ein Bad oder lesen Sie ein gutes Buch – und machen Sie das Handy aus. Egal wer nun etwas von Ihnen will, er oder sie muss warten. Wer mag, kann auch Musik hören oder meditieren.

Die Natur genießen: Skiwandern in den Bergen, Spazierengehen im Wald, mit dem Rad die Umgebung entdecken oder einfach den Blick über die Weite der Landschaft schweifen lassen – nichts beruhigt so gut wie die Natur. Ihre Stille lädt besonders gut dazu ein, bei sich zu sein.

Kraft aus der Stille schöpfen: Wer länger für sich ist, spürt schnell den Flow, in den man wunderbar versinken kann. Wer mag, kann diese kreative Kraft nutzen und mit der Me-Time verbinden: Malen Sie ein Bild mit Aquarell-Farben, spielen Sie Klavier, singen Sie laut oder schreiben Sie eine kleine Geschichte.

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