Wie man lernt, sich selbst zu lieben

Self-Love

Die Body-Positivity-Bewegung propagiert, sich selbst zu lieben. Doch wie schafft man das und ist es wirklich der einzige Weg zum GlĂŒck? 

Die Frau mit den pink-lilafarbenen Haaren posiert auf einem Hocker, völlig nackt, die BrĂŒste hinter den Armen versteckt, die Beine ĂŒbereinandergeschlagen. Was sie nicht versteckt: ihre Oberschenkel und ihren Bauch. „Ich danke meinem Körper, dass er mich durch ein weiteres Jahr getragen hat“, schreibt Megan Jayne Crabbe. Über 147 000 Likes hat das Foto der Britin auf Instagram. Crabbe ist eine der populĂ€rsten Influencerinnen der Body-Positivity-Bewegung. Über eine Million Menschen haben ihre Seite abonniert.
Crabbe ist nur eine von vielen Aktivist*innen der Body-Positivity-Bewegung, von denen man im Internet eine wahre Flut an Bildern und Blogs findet, die ein Ziel haben: Schluss mit negativer Kritik am eigenen Körper! Umarme deine natĂŒrliche Schönheit! Unter Hashtags wie #bodypositivity, #selfconfidence, #loveyourdamnself oder #everybodyisbeautiful demonstrieren Frauen, wie sie sich ein positives Selbstbild vorstellen. Sie haben keine Lust mehr auf ein normiertes weibliches Schönheitsideal, das nur KleidergrĂ¶ĂŸe 36 oder makellose Haut als attraktiv definiert. Und es sind ziemlich viele Frauen. Sie bevorzugen Kategorien wie „unperfekt“ und „Diversity“. Seit einigen Jahren hat die Body-Positivity-Bewegung viel mediales Interesse auf sich gezogen. Was bedeutet Body Positivity eigentlich? Ganz einfach: Du sollst deinen eigenen Körper so akzeptieren, wie er ist, und ihn positiv bewerten statt schlechtzureden.

Menschliche Körper sind Kunstwerke

Nicht nur ganz normale Frauen, auch KĂŒnstler*innen haben sich die Ziele der Body-Positivity-Bewegung angeeignet und fĂŒllen sie unterschiedlich mit Leben aus. Ein Beispiel dafĂŒr ist die Fotografin Sung-Hee Seewald aus MĂŒnchen. Sie portrĂ€tiert Menschen aus einem besonderen Ă€sthetischen Blickwinkel und definiert Schönheit anders als konventionelle Fotografien und Medien unter dem Motto „Female Diversity“.
Ihr geht es um individuelle Schönheit, und das in jedem Alter, mit unterschiedlichen Körperformen und unterschiedlichen Hautfarben. Fast alle Frauen hĂ€tten Körpermerkmale, die als Schönheitsfehler gelten, sagt Seewald. Doch gerade gegen diese vermeintlichen Fehler wehrt sie sich: „Schönheit ist so vielseitig und wird oft an vielen Stellen ĂŒbersehen.“ Als ihre Muse bezeichnet sie Huelya Dennis, die aufgrund einer genetischen Krankheit ohne Unterschenkel lebt. „Sie ist einer der schönsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte. Sie ist eine der Frauen, die den Raum erhellen, wenn sie ihn betreten. Sie ist ein Vorbild fĂŒr Selbstliebe.“ Selbstliebe bedeutet fĂŒr Seewald Akzeptanz, Dankbarkeit, Liebe zur eigenen IndividualitĂ€t und Achtsamkeit gegenĂŒber dem eigenen Körper und sich selbst: „Jeder darf sich so akzeptieren, wie er ist.“ Die MĂŒnchnerin erhĂ€lt viele Zuschriften von Frauen, die ihr mitteilen, dass ihre Bilder ihre eigene Selbstliebe positiv beeinflusst hĂ€tten. Seewald glaubt aber, dass es noch viel zu tun gibt: „Ich wĂŒnsche mir mehr DiversitĂ€t in der Fotografie und in den Medien, besonders in der Werbung.“

FĂŒhl dich wohl in Deiner eigenen Haut!

Auf Instagram gibt es viele weitere Beispiele, wie ganz normale MĂ€dchen und Frauen ihren Körper zeigen und selbstbewusst mit vermeintlichen Makeln umgehen – womit sie in vielen FĂ€llen zahlreiche Klicks und oft bestĂ€rkende Reaktionen generieren.
Die Amerikanerin Connie Sobczak, eine der Pionierinnen der Bewegung, die bereits 1996 mit Elizabeth Scott „The Body Positive“ gegrĂŒndet hat, findet das gut: „Soziale Medien ermöglichen es Menschen, die leiden, zu merken, dass sie nicht allein sind. Die Botschaft: Es ist okay, wenn du nicht wie ein Supermodel aussiehst.“
Die Bloggerin Charlotte Kurth ist eines dieser virtuellen Vorbilder fĂŒr viele MĂ€dchen und junge Frauen und damit sehr erfolgreich. Die Berlinerin wehrt sich unter dem Motto „Beauty, not size“ gegen den Schlankheitswahn. Auf Instagram ist sie eine der erfolgreichsten Aktivistinnen, ihr folgen ĂŒber 105 000 Menschen. Unter „PlusSizeFashion“ propagiert Julia Kremer ihre liebevolle Einstellung zu sich selbst und ihrem Körper und wird von ĂŒber 60 000 Personen auf Instagram abonniert.
Doch es geht bei der Body-Positivity-Bewegung nicht nur um Gewicht: Die Britin Isabella Fernandes zeigt auf Instagram selbstbewusst ihre Narben, die sie von einem Brand davongetragen hat, und modelte fĂŒr die Kampagne „In your own skin“ des britischen Labels Missguided. Nicht nur Missguided, auch andere Unternehmen haben diesen Trend erkannt. Das Kosmetikunternehmen Douglas nutzte den Singles’ Day am 11. November 2018, um fĂŒr die SelbstermĂ€chtigung von Frauen zu werben.
Im deutschsprachigen Raum setzt das Kosmetikunternehmen Dove schon seit LĂ€ngerem auf Body Positivity und Frauenkörper aller GrĂ¶ĂŸen mit Slogans wie „Jeder Körper ist schön“ oder „Liebe deinen Körper“. „Wir zeigen nie unerreichbare, manipulierte, makellose Bilder perfekter Schönheit, wie sie durch die Nutzung von Retusche erzeugt werden können. Das wird seit letztem Jahr auch durch das Keine-digitale-VerĂ€nderung-Siegel verdeutlicht, welches auf den Werbematerialien der Marke abgebildet ist“, sagt Hilke Krause von Dove. Die Firma hat zudem ein Projekt fĂŒr mehr SelbstwertgefĂŒhl ins Leben gerufen, das sich vor allem an Jugendliche richtet. Das Bikini- Label Moana propagiert unter dem Motto „Stronger“, dass sich ausnahmslos alle Frauen in ihren Schwimmoutfits wohlfĂŒhlen können, und wirbt durchweg mit Frauen, die nicht dem schlanken Modelideal entsprechen. FĂŒr das amerikanische UnterwĂ€schelabel Aerie modeln Frauen in allen GrĂ¶ĂŸen, die Fotos sind nicht retuschiert und deshalb mit dem Hashtag AerieREAL gekennzeichnet.
Gleichzeitig wird Firmen immer wieder vorgeworfen, Body Positivity lediglich als Marketingmethode zu verwenden. Ist dieser Vorwurf berechtigt oder verĂ€ndern neue Bilder in der Werbung tatsĂ€chlich die öffentliche Wahrnehmung? Die Wiener Autorin Nunu Kaller ist zwiegespalten bei Body-Positivity-Kampagnen. Sie hat das Buch „Fuck Beauty! Warum uns der Wunsch nach makelloser Schönheit unglĂŒcklich macht und was wir dagegen tun können“ geschrieben. „Ich freue mich zwar ĂŒber Body-Positivity-Werbekampagnen, die unterschiedliche Frauen zeigen, weiß aber, dass Marketing dahintersteckt. Dennoch Ă€ndert es was in unserem Blick. Je sichtbarer unterschiedliche Körperformen werden, desto besser. Dennoch muss man den eigenen Selbstwert unabhĂ€ngig vom Konsum von Produkten definieren.“ Connie Sobczak ist ebenfalls kritisch: „Mode- und Kosmetikunternehmen nutzen die Body-Positivity-Bewegung, damit sich ihre Produkte besser verkaufen.“
Aber auch Modelagenturen greifen den Diversity-Trend auf wie die Anti-Agency, deren Fokus auf der Persönlichkeit der vertretenen MĂ€nner und Frauen liegt statt auf standardisierten Schönheitsmerkmalen. Den GrĂŒnderinnen Pandora Lennard und Lucy Greene geht es um mehr als nur ein hĂŒbsches Gesicht. Die Nachfrage großer Marken wie Burberry, Versace und Apple bestĂ€tigt ihre Philosophie.
Kann man Body Positivity lernen? FĂŒr Nunu Kaller gibt es darauf keine eindeutige Antwort: „Ich werde oft nach einem Rezept gefragt, aber ich will keine Antwort geben, weil bei jeder Person der Schalter woanders liegt. Es gibt kein Standardrezept. Meine Art ist es, dass ich mich wahnsinnig informiere und viele Perspektiven anschaue. Manche Frauen können sich durch Körperarbeit und Tanzen weiterentwickeln. Bei mir persönlich funktioniert das Spiegelexperiment gut: Ich stelle mich vor den Spiegel, mache mir Komplimente, nehme sie an und lasse sie wirken.“

Keine Frau muss sich stÀndig schön finden

Mittlerweile gibt es auch eine Gegenbewegung all jener, die sich nicht von der Body- Positivity-Bewegung reprĂ€sentiert fĂŒhlten. Ihr Titel: Body Neutrality. Ihr Credo: Sei deinem Körper gegenĂŒber neutral und thematisiere ihn wenig! Nunu Kaller hĂ€lt Body Neutrality fĂŒr eine gute Weiterentwicklung der Body Positivity. „An diesem Punkt bin ich selbst gerade. Du musst dich nicht hinstellen und herausposaunen, dass du deinen Körper liebst. Wenn du jahrelang andere Denkweisen hattest, ist das schwer. Wenn du dich fĂŒr den hĂ€sslichsten Besen von Wien gehalten hast, ist Selbstliebe ein Prozess, der dauert. Aber jede Frau kann damit anfangen, sich zumindest nicht zu kritisieren und sich zu sagen, es geht gar nicht so sehr um meinen Körper, sondern darum, einen Weg aus einer körperfixierten Gesellschaft zu finden. Ich persönlich fĂŒhle mich gut, wenn ich in der Natur oder am Meer bin. Ich denke mir dann, dem Meer ist jetzt egal, wie ich ausschaue. Wenn ich beim Wandern schwitze wie ein Affe, ist das den BĂ€umen egal.“
Bloggerin Charlotte Kuhrt schreibt unter ein Foto, das sie im Bikini zeigt: „Du musst deinen Körper nicht jeden Tag die ganze Zeit lieben. Lass dich nicht in eine AbwĂ€rtsspirale ziehen, weil du einen Tag hast, an dem du dich selbst nicht magst.“ Megan Jayne Crabbe plĂ€diert in ihrem Buch ebenfalls fĂŒr die VorzĂŒge einer neutralen Haltung: „Es geht nicht darum, zu denken, Sie seien makellos und rundum zum Anbeißen, sondern darum, sich nicht mehr fĂŒr entsetzlich zu halten. Es geht darum, zu wissen, dass Sie gut genug sind und dass Ihre Ă€ußere HĂŒlle das Unwichtigste an Ihnen ist.“
Eins ist jedenfalls klar: Bei dem Diskurs um Body Positivity geht es um mehr als nur um Mode und Make-up, sondern um gesellschaftliche VerÀnderungen. Auch in der #MeToo-Debatte spielt ein positives Körperbild eine entscheidende Rolle: Die wohlwollende Sicht auf sich selbst verleiht mehr Selbstbewusstsein und ermutigt Frauen, sich bei sexuellen BelÀstigungen zu wehren und nicht mehr in der Rolle der passiv duldenden Frau zu verharren. aw //

5-Punkte-Plan fĂŒr mehr SelbstwertschĂ€tzung nach Dilek Sonntag, Psychologin

AUSZEITEN
Machen Sie immer wieder bewusste Pausen am Tag, um sich zu fragen, wie es Ihnen geht, was Sie fĂŒr BedĂŒrfnisse haben, was Sie tief in Ihrem Inneren zufrieden macht und was Sie sich Gutes tun können.

BRIEF ANS ICH
Wir alle haben Eigenschaften, die wir nicht mögen. Schreiben Sie sich selbst einen liebevollen Brief, damit Sie diese ungeliebte Eigenschaft besser akzeptieren können.

POSITIVER FOKUS
FĂŒhren Sie ein Tagebuch, in dem Sie Dinge aufschreiben, die Ihnen gut gelingen, die in Ihrem Leben gut sind.

KEINE VERGLEICHE
Schauen Sie auf sich, nicht auf andere. Jeder Mensch ist einzigartig und hat
unterschiedliche Ausgangsbedingungen in seinem Leben.

GUTE GESELLSCHAFT
Soziale Kontakte sind sehr wichtig fĂŒr das SelbstwertgefĂŒhl. KnĂŒpfen Sie Kontakte zu anderen Menschen. Verbringen Sie Zeit mit Ihren Freunden und unternehmen Sie schöne Dinge.

Web-Tipps

Diese 5 Influencerinnen leben Body Positivity:

  • Anna O’Brien: www.instagram.com/glitterandlazers
  • Megan Jayne Crabbe: www.instagram.com/bodyposipanda
  • Charlotte Kuhrt: www.instagram.com/charlottekuhrt
  • Julia Kremer: https://www.instagram.com/schoenwild/
  • Isabella Fernandes: www.instagram.com/fauxnandes/

Selbstliebe ist ein Prozess. Er geschieht nicht von heute auf morgen, fĂŒhrt aber am Ende zu mehr Zufriedenheit im Leben.

Lese-Tipps

  • „Fuck Beauty! Warum uns der Wunsch nach makelloser Schönheit unglĂŒcklich macht und was wir dagegen tun können“ von Nunu Kaller, Kiepenheuer & Witsch 2018, 12,99 Euro.
  • „Body Positivity – Liebe deinen Körper“ von Megan Jayne Crabbe, Knaur Balance
    2018, 16,99 Euro.

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