Orthorexie – Vom Essen besessen

Orthorexie

Gegen gesunde Ernährung ist nichts einzuwenden – es sei denn, sie wird fanatisch betrieben. Dann schränkt sie das übrige Leben oftmals sehr ein. Fachleute diskutieren, ob es sich bei der Orthorexie um eine eigenständige Krankheit handelt. 

Bevor Steven Bratman als Arzt tätig wurde, hatte er sich der gesunden Ernährung verschrieben. Er lebte in einer New Yorker Kommune, war Vegetarier und hatte strenge Regeln für die Wahl der Lebensmittel aufgestellt, die er zu sich nahm. Er aß nur jenes Obst und Gemüse, das eine Viertelstunde vorher noch nicht geerntet worden war, und kaute gewissenhaft jeden Bissen: 50-mal, so wie er es für das Beste hielt. Nach einem Jahr fühlte er sich stark und energiegeladen. Nach zwei Jahren kamen Bedenken. „Das Bedürfnis nach Nahrungsmitteln, die frei von Fleisch, Fett und künstlichen Zusatzstoffen waren, machten das Essen in Gesellschaft unmöglich“, schreibt der Alternativmediziner in einem Essay. Bratman hatte nur noch seine Ernährung im Kopf. Art, Qualität und Zubereitung der Lebensmittel waren das, was für ihn zählte, und zunehmend wurde es schwieriger, die Konzentration auf andere Dinge zu lenken. „Wenn ein gutes Gespräch in Gang kam, drängten sich Gedanken an Sprossen dazwischen.“
Jahre später – 1997 – prägte Bratman für die Besessenheit mit der vermeintlich richtigen Ernährung den Begriff „Orthorexie“. Die Bezeichnung setzt sich zusammen aus den altgriechischen Begriffen orthos, korrekt, und orexis, Appetit. Was harmlos mit gesundem Verhalten beginne, so argumentiert Bratman, könne sich ins Krankhafte steigern. „Wenn die Orthorexie voranschreitet, fühlt sich ein Tag, der um Sprossen, Umeboshi-Pflaumen und Amaranth-Kekse kreist, ebenso heilig an, als hätte man ihn mit den Armen und Obdachlosen verbracht.“

Gesündeste Krankheit der Welt?

Mindestens 400 Gramm Obst und Gemüse täglich empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) heißt es: „Vollwertig essen und trinken hält gesund, fördert Leistung und Wohlbefinden.“ Warum also sollte man mit den geeigneten Lebensmitteln nicht die Grundlage für die eigene Existenz optimieren? Ist die Orthorexie also, wie manche meinen, die gesündeste Krankheit der Welt?
Nicht unbedingt. Gegen bewusste Ernährung ist überhaupt nichts einzuwenden und strikte Vegetarier oder auch Allergiker haben oft gute Gründe für ihre Diät und keinerlei psychisches Problem. Aber wenn die gesunde Ernährung zur Obsession wird, bedeutet sie oftmals eine große Belastung. Wer sich fleisch-, ei- und milchlos ernährt, dazu gluten- und industriezuckerhaltige Lebensmittel vom Speiseplan streicht und niemals ein Gericht mit künstlichen Zusatzstoffen oder Fett anrühren würde, handelt sich damit langfristig oft erhebliche Schwierigkeiten ein.

Wenn Verzicht nicht nur bei Chips und Hamburgern geübt wird, sondern alle Speisen in gute und schlechte eingeteilt werden, kann dies das übrige Leben beeinträchtigen und sogar zu sozialem Rückzug führen.

Wenn Verzicht nicht nur bei Chips und Hamburgern geübt wird, sondern alle Speisen in gute und schlechte eingeteilt werden, in reine und unreine, können Aufwand und Einschränkungen bei der Ernährung das übrige Leben verkomplizieren, beeinträchtigen und schließlich zu sozialem Rückzug führen. Und selbst körperliche Folgen können auftreten. Die Bewertung der Lebensmittel folgt bisweilen rein subjektiven Kriterien und so sind bei sehr einseitigen Diäten nicht nur Untergewicht, sondern auch immer wieder Mangelerscheinungen ein Thema.
Ob es sich bei der Orthorexie um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt, ist umstritten. Als ein solches listen sie die gängigen Diagnosekataloge nicht auf – was wohl auch daran liegt, dass nicht abschließend geklärt ist, ob die Orthorexie nicht vielleicht doch eher eine Ausprägung einer Zwangskrankheit darstellt oder eine Spielart bekannter Essstörungen, bei denen statt der Erscheinung des Körpers nach außen seine innere Reinheit im Mittelpunkt steht. Auch mit Angsterkrankungen hat orthorektisches Essverhalten oft vieles gemein.

Schwarz-Weiß-Denken überwinden

Eine Standardtherapie gibt es auch vor dem Hintergrund der fehlenden Klassifikation bisher nicht. Doch insbesondere Verhaltenstherapien können dabei helfen, Rigidität und Schwarz-Weiß-Denken beim Essen abzulegen, Angst vor „falschen“ Lebensmitteln zu überwinden und neben der „Richtigkeit“ auch den Genuss zum Kriterium beim Essen zu erheben.
In Steven Bratmans Fall war es eine Serie von Ereignissen, die ihn von seinen strikten Essensgewohnheiten abbrachte, darunter ein Kurswechsel seines Mentors in Sachen Diät. Von einem Moment auf den anderen gab dieser seinen bisherigen Speiseplan auf. Er berichtete Bratman von seinem Erweckungserlebnis.
„Ein Traum letzte Nacht hat es mir klargemacht“, erklärte er. „Statt meine Sprossen alleine zu essen, wäre es besser für mich, Pizza mit Freunden zu teilen.“ Das stimmte Bratman nachdenklich. Bis er wieder ohne Schuldgefühle eine Pizza essen konnte, dauerte es zwar. Doch der Moment kam. jl //

Weiterlesen, Hilfe finde

Verbringen Sie so viel Zeit mit gesunder Ernährung, dass andere Dimensionen Ihres Lebens wie Familie und Arbeit oder Ihre Kreativität zu kurz kommen? Haben Sie sich im Zeitverlauf immer mehr Nahrungsmittel verboten? Steven Bratmans Selbsttest zur Orthorexie vermittelt eine erste Einschätzung zum Grad der Betroffenheit: www.orthorexia.com/the-authorized-bratmanorthorexia-self-test/

Beratungsstellen für Essstörungen versorgen Betroffene und deren Angehörige mit Informationen zum Thema und können Ansprechpartner für weitere Hilfestellungen vor Ort nennen. Das Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) etwa ist unter der Kölner Rufnummer 0221 892031 erreichbar. Die Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht.

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