Kolumne: Lady Helmchen

Eine Frau mit Fahrrad trägt einen Helm.

Er rettet Leben, steht aber gefühlt auch für einen modischen Outfit-Unfall seines Trägers: der Fahrradhelm. Unsere Redakteurin erzählt von ihrer persönlichen Helm-Hassliebe. 

Wenn ich ihn trage, fühle ich mich wie Lord Helmchen, der Darth-Vader-Verschnitt aus
dem Film „Spaceballs“. Genauer gesagt, wie Lady Helmchen. Ich habe das Gefühl, alle starren mich an. Egal, wie ich sonst gekleidet bin, ob ich Augenringe habe oder grüne Fingernägel – der Helm überdeckt alles. So weit mein Gefühl. In Wahrheit laufen alle an mir vorbei und schenken dem grauen 90er-Jahre-Modell auf meinem Kopf kaum einen Blick. Und mein Verstand sagt auch: „Trag den Helm!“ und „Denk dran, wenn du stürzt, ist er dein Lebensretter.“ Und ich möchte auch wirklich nicht, dass mein Kopf nach einem bösen Sturz eventuell einen Knacks hat. Oder Schlimmeres.

Dennoch, unsere Beziehung ist ambivalent. Früher, als Kind, fuhr ich immer ohne. Auch meine Eltern hatten damals kein Faible dafür. Außerdem trugen coole Kids keinen Helm, er baumelte höchstens am Fahrradlenker. Mein Pferdeschwanz passte da einfach nie drunter. Erst als ich mit dem Mountainbiken begann, kaufte ich mir meinen ersten Fahrradhelm und trug ihn bei Touren in bergigem Gelände. Spätestens mit dem ersten eigenen Kind gibt es aber kein Entrinnen mehr. Sie wissen schon, gutes Vorbild und so … Ab diesem Zeitpunkt galt also auch bei mir die selbst auferlegte Helmpflicht. Eine offizielle gibt es nämlich nicht in Deutschland. Und das, obwohl jährlich viele Hundert Radler bei Unfällen ums Leben kommen. 2018 waren es laut dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat 432 Menschen, die infolge von Fahrradunfällen verstarben. Und obwohl die Zahl der Verkehrstoten insgesamt seitmJahren rückläufig ist, steigt die der tödlich verunglückten Fahrradfahrer an (im Vergleichnvon 2017 zu 2018 um 11,5 Prozent). 70 Prozent aller nach einem Fahrradunfall in Lebensgefahr schwebenden Personen haben eine schwere Kopfverletzung.

Trotz dieser erschreckenden Zahlen trugen 2018 laut Bundesanstalt für Straßenwesen nur 18 Prozent aller Fahrradfahrer einen Helm. 18 Prozent!? Selbst ich mit meiner Helm-Verweigerungs-Historie hätte die Zahlen nicht so niedrig eingeschätzt. Und: Mit zunehmendem Alter scheinen sich Prioritäten zu ändern. Während bei den Kindern zwischen 6 und 10 Jahren noch 82 Prozent mit Helm fahren, sind es bei den 11- bis 16-Jährigen nur noch 38 Prozent, bei den Erwachsenen je nach Altersgruppe sogar nur zwischen 7 und 23 Prozent.

Von offizieller Seite gab es bereits einige ungewöhnliche Versuche, den Radfahrern die Helme schmackhafter zu machen. Im Rahmen der Verkehrssicherheitskampagne „Runter vom Gas“ fotografierte man 2017 Models mit gewöhnungsbedürftigen, aber durchaus trendverdächtigen Fahrradhelmfrisuren (googeln Sie einfach mal #helmethairstyle). Anfang 2019 wurde eine GNTM-Kandidatin in Unterwäsche und Fahrradhelm unter dem Claim „Looks like shit. But saves my life.“ das neue Gesicht der Aktion des Verkehrsministeriums. Ob diese Bilder wirklich mehr Menschen zum Helmtragen bewegen, sei dahingestellt. Mein zwölfjähriges Ich hätte das wohl nicht überzeugt.

Dennoch möchte auch ich an dieser Stelle gern mit dem Appell schließen: Helmtragen rettet Leben – also tragen Sie einen! Denn all die gefühlte Hässlichkeit verblasst am Ende gegen dieses Argument. Und: Wer engagiert nach einem passenden Helm sucht, der findet vielleicht auch einen modisch vertretbaren, denn es gibt durchaus ein paar schicke Neuschöpfungen und Designs auf diesem Gebiet, die man mit Würde tragen kann, ohne an Lord oder Lady Helmchen zu erinnern. rs //

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