Vom Glück, gemeinsam zu essen

Langer Tisch

„Die gemeinsame Mahlzeit ist die Urform des Beisammenseins“, sagt Eva Barlösius, Professorin am Institut für Soziologie an der Leibniz-Universität Hannover. Keine Form der Gemeinschaft verbindet die Menschen so sehr wie ein gemeinsames Essen. Unser Autor hat es ausprobiert und in Tel Aviv kulinarische Erfahrungen gesammelt.

»Essen zu kreieren ist
wie Kunst, eine lebendige,
sinnliche Sache.«

Nach langem Suchen finde ich endlich die Hausnummer. Glücklicherweise ist sie nicht in Hebräisch geschrieben. Ich gehe die Stufen in dem großzügigen alten Treppenhaus nach oben. Von dort hallen bereits Stimmen, Lachen und der Klang einer sich wieder schließenden Tür. Ich klingele, hinter der Tür erwartet mich mein Abendessen. Wer mir die Tür öffnen wird, weiß ich nicht. „Shalom!“ Yael und Keren kenne ich nur übers Internet. Gefunden habe ich sie über die Dinner-Community EatWith. EatWith ist ein Start-up zweier Freunde aus Tel Aviv, Guy Michlin und Shemer Schwarz. Ihre Idee: Beim Essen knüpft man als Reisender am schnellsten Kontakte. Sie wollen Menschen, die neu in einer Stadt sind, beispielsweise als Tourist oder als Geschäftsreisender, mit Einheimischen zusammenbringen, die den Gästen einen Einblick in ihren Alltag und ihre Esskultur geben. Aber vor allen Dingen geht es Guy und Shemer darum, Menschen zum gemeinsamen Dinner zusammenzuführen. Denn gemeinsam essen macht einfach Spaß. An ihrem Gründungsort Tel Aviv lasse ich mich neugierig im Selbstversuch auf die EatWith-Idee ein, denn diese und ähnliche Internet-Essensbörsen werden aktuell gerade in Deutschland immer populärer und finden immer mehr Anhänger.

Genuss, der verbindet

Wir stehen in der geräumigen Küche der Wohnung, wo kleine Schüsseln bereits darauf warten, befüllt zu werden. Ich möchte von meinen Gastgebern wissen, wie sie darauf gekommen sind, ihr Haus für von EatWith koordinierte Abendessen zu öffnen. „Essen und Genuss waren schon immer ein wichtiger Teil unseres Lebens. Essen zu kreieren ist wie Kunst, eine lebendige, sinnliche Sache.“ Die beiden haben immer schon gern für Freunde gekocht und ihr Haus und ihre Kochtöpfe geöffnet. Jetzt haben sie Spaß daran, immer wieder neue Gäste im Haus zu haben und gemeinsam einen Abend zu zelebrieren. „Außerdem trägt es zur Finanzierung unserer tollen Wohnung samt Dachterrasse im Herzen von Tel Aviv bei“, ergänzt Yael schmunzelnd. Das Zelebrieren des Abends beginnt auf der Dachterrasse, locker verteilen sich kleinere Grüppchen an Gästen. Mit einem Willkommensgetränk in der Hand gelingt es mir relativ schnell, die meisten weiteren Gäste des Abends kennenzulernen: Alle sind offen, bester Laune, sprechen fließend Englisch und sind begeistert, dass ich aus Deutschland Tel Aviv besuche und mit ihnen den Abend verbringe. Aus Deutschland kommen ist hier gleichbedeutend mit aus Berlin kommen. Und Berlin lieben hier alle! Entgegen meiner Annahme, einer von mindestens zehn weiteren Touristen zu sein, bin ich der Einzige, der nicht aus Tel Aviv kommt! Überraschung Nummer zwei: Die Gäste sind meist Pärchen unterschiedlichen Alters. Von Singlebörse kann hier keine Rede sein! Dritte Überraschung: Wohnung und Dachterrasse bestätigen nicht das zunehmende Problem des Internets, dass Dinge häufig attraktiver dargestellt werden, als sie tatsächlich sind: Das Ambiente bei meinen Gastgebern ist wirklich spitze!

Festliche Stimmung

Wir sitzen an der langen Tafel. Neben mir Medienmanager David und seine Frau sowie Lee, eine junge Ärztin mit ihrem Freund. Mir gegenüber zwei Freundinnen mittleren Alters. Alle aus Tel Aviv. Der Tisch ist übersät mit vielen kleinen Schüsseln – Hummus, Tahini, große Oliven, gegrilltes Gemüse, selbst gebackenes Brot mit gewürzter Butter, Koriander-, Minz- und Haselnuss-Pestos, Bier und Wein. Lee erzählt mir, dass sie und ihr Freund zum ersten Mal dabei sind und auch ein paar Bedenken hatten, für ein privates Essen zu zahlen. Was, wenn die Gastgeber das Essen primär als Einnahmequelle sehen und gar nichts mit den Gästen zu tun haben wollen? Was, wenn es nur ganz wenig zu essen gibt? Was, wenn da nur „komische“ Leute sind? Was, wenn der Abend um 22 Uhr, nach dem „Pflichtteil“, zu Ende ist? Aber Lees Bedenken sind absolut unbegründet: Es gibt mehr als genug zu essen. Immer wieder tragen Yael und Keren Köstlichkeiten auf, die wir alle aus den kleinen Schüsseln teilen, darunter Highlights wie gegrillte Riesengarnelen oder Rinderfilet. Die Stimmung ist super – alle sind wild entschlossen, den Abend zu genießen und zu plaudern. Es gibt Pausen, bei denen wir in der milden Nacht auf der Terrasse stehen und manch einer raucht, köstliche hausgemachte Nachtische, Kaffee, Schnäpse, stimmungsvolles Licht, stimmungsvolle Musik (westliche, hebräische, arabische und nordafrikanische – so ist Tel Aviv). Und da David um Mitternacht auch noch Geburtstag hat, endet der Abend im kleinen Kreis der Ausdauernden um halb zwei nachts unter dem israelischen Sternenhimmel auf der Dachterrasse. Well done, Yael und Keren, die sich einfach „die Girls“ nennen. Hebräisch „Habanot“.

Indischer Abend in Israel

Mein Selbstversuch geht weiter: Nun stehe ich bei Chanchal in der Küche. Ihre Wohnung liegt südlich von Old Jaffa, dem arabischen Teil von Tel Aviv, wo ich mit dem Fahrrad hingeradelt bin (auch in Tel Aviv gibt es die überall zu mieten). Das Essen heute Abend wird indisch sein und vegetarisch. Und da sich Chanchals Mann, ein Inder aus Bengali, um das Kochen kümmert, hat sie Zeit, mit mir zu plaudern. „Guy und Shemer waren mit ihren Eltern in Griechenland im Urlaub und hatten wohl nur Pech mit den Restaurants. Eines Abends waren sie irgendwo privat eingeladen und es war toll! Das war der Punkt, an dem sie die Geschäftsidee für EatWith entwickelten – Gäste bei Privatpersonen essen zu lassen!“ Die quirlige Jüdin Chanchal kennt die beiden Gründer von EatWith gut: „Am Anfang waren sie noch ganz unsicher, ob da jemand mitmachen würde, aber wir waren von der ersten Stunde an dabei. Dann sind die beiden nach Barcelona gegangen, wo sie EatWith aufgebaut haben, und als es anfing zu laufen, nach San Francisco. Von dort aus managen sie mittlerweile das Projekt.“ Doch nun muss sich Chanchal gemeinsam mit ihrem Mann um die Gäste kümmern: Gekommen ist eine israelische Großfamilie samt Kind und Oma, denn Sara hat Geburtstag und wollte indisch essen. Und es gibt praktisch keine indischen Restaurants in Tel Aviv. Außerdem ist Shabat und da darf man eigentlich keinen Finger krumm machen. So herum funktioniert es also auch: Locals, die die exotische Küche in ihrer Heimatstadt suchen. Auch heute Abend bin ich erfreulicherweise der einzige Nicht-Local, umgeben von Israelis. Ich werde herzlich aufgenommen, es wird wieder (wenngleich ganz anders) ein wunderbarer Abend voller anregender Gespräche und interessanter Einblicke in den israelischen Alltag. Gemeinsam isst es sich einfach am besten!

Eine gemeinsame Mahlzeit sättigt auch seelische Bedürfnisse

Unsere Vorfahren teilten Speisen, da nicht jeder seinen eigenen Büffel jagen konnte. Heute gibt es durch Singlehaushalte, Priorität Job sowie Mikrowelle oder Tiefkühlpizza immer weniger Notwendigkeiten, gemeinsam zu essen. Gleichwohl empfindet jeder ein gemeinsames Abendessen als Highlight: ob nun Abendbrot mit der Familie oder mit Freunden im Restaurant. Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften: „Menschen haben einen inneren Wunsch danach, gemeinsam zu essen. Eine gemeinsame Mahlzeit sättigt nicht nur physiologische, sondern auch seelische Bedürfnisse.“ Kein Fernseher oder Handy kann eine echte Gemeinschaft ersetzen. Dasselbe Gericht schmeckt in Gemeinschaft einfach besser als alleine.

 

Genussvoll Netzwerken

Die Idee des gemeinsamen Essens findet sich in zahllosen kommerziellen und nichtkommerziellen Essensbörsen. In München treffen sich beispielsweise Studenten über die Tablesurfer-Community. Keiner muss zahlen, dafür ist jeder in der zusammengewürfelten Runde einmal Gastgeber und bekocht die anderen. www.tablesurfer.de

Bei EatWith bucht man jedes Essen zu einem vom Gastgeber festgesetzten Preis, die Plattform bekommt davon einen Anteil. Hobbyköche (und auch einige professionelle) bieten einen schönen Abend in der eigenen Wohnung an. Mit Fotos und Fakten stellen die Gastgeber sich und die Wohnung vor und erklären, was den Gast erwarten wird. Man kann die Gastgeber bewerten und es steht bei Problemen ein 24-h-Support zur Verfügung. www.eatwith.com

Eine weiteres internationales Netzwerk für Events rund ums gemeinschaftliche Essen: Supperclubbing. Hier können Sie nach privaten Events in Ihrer Stadt suchen oder selbst einladen. Alles dreht sich um kulinarisches Genießen und das Kennenlernen anderer Menschen und Kulturen. www.supperclubbing.com

Auch Restaurants erkennen den Trend des „Social Dining“, indem sie z. B. große Tische aufstellen, an denen Fremde ins Gespräch kommen.

Schön ist das Konzept der Frankfurter Freitagsküche: Für bestimmte Freitage wird angekündigt, wer kocht und was es gibt, der Einlass erfolgt für alle Gäste gleichzeitig. Bei Musik und gutem Essen lassen sich die Tischnachbarn einfach am besten kennenlernen. www.freitagskueche.de

 

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