Wenn die Bandscheibe verrutscht

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, einen Bandscheibenvorfall zu erleiden – aber auch immer jüngere Patienten erleiden heutzutage einen Bandscheibenvorfall. Auch Faktoren wie Übergewicht oder Bewegungsmangel spielen eine große Rolle. medpex verrät, was dagegen im Akutfall hilft und wie man vorbeugen kann.

Ein stechender Schmerz im unteren Rücken durchzuckt mich, mein linkes Bein kribbelt unangenehm. Husten, Sitzen, Schlafen – alles ist eine Qual. Und schließlich stellt der Arzt die Diagnose, die ich längst befürchtet habe: Bandscheibenvorfall. Doch mit diesem Leiden bin ich nicht allein. Etwa 180.000 Deutsche bekommen jährlich dieselbe Diagnose gestellt. Die Wirbelsäule verleiht unserem Körper Stabilität. Zu ihr gehören 23 Bandscheiben, die zwischen den Wirbeln sitzen. Sie gewährleisten die Beweglichkeit der Wirbelsäule und dienen als Stoßdämpfer, indem sie den Druck kompensieren. Von einem Bandscheibenvorfall (Discusprolaps) spricht man, wenn infolge von körperlicher Beanspruchung oder Alterungsprozessen der Gallertkern einer Bandscheibe durch den Faserring, der die Bandscheibe in ihrer Position fixiert, bricht. Drückt er auf Nerven, löst das Schmerzen aus. Der faserige Ring besteht aus Bindegewebe und schon mit Mitte 30 lässt seine Spannkraft allmählich nach. Männer sind häufiger von einem Bandscheibenvorfall betroffen. Faktoren wie Übergewicht, mangelnde Bewegung, häufiges Sitzen, falsche Belastung des Rückens, genetische Anlagen sowie bei Frauen vorausgegangene Schwangerschaften spielen die größte Rolle. Je älter man wird, desto weniger gut können unsere Bandscheiben außerdem Wasser im Inneren aufnehmen. Dadurch verliert der Gallertkern an Elastizität und wird spröder, er verschleißt. Dasselbe betrifft auch den Faserring. Mit der Zeit entstehen in ihm feine Risse. Durch übermäßige Belastung kann der Kern dann verrutschen und auf den Faserring drücken (Vorwölbung) oder ihn ganz durchbrechen.

Diagnose Mithilfe von MRT und CT

Um den Bandscheibenvorfall sicher nachweisen zu können, benötigt man Schnittbildverfahren wie die Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) oder die Computertomografie (CT). Damit kann man genau sehen, in welchem Bereich der Bandscheibenvorfall aufgetreten ist oder ob es sich womöglich „nur“ um eine Vorwölbung handelt. Wichtig: Nicht jede Art von Verschleiß, die sich auf solchen Bildern zeigt, muss behandelt werden. Denn an einige Abnutzungserscheinungen kann sich der Körper so gut anpassen, dass man sie nicht einmal bemerkt.

Lenden-, Brust- oder Halswirbelsäule betroffen?

In etwa 90 Prozent der Fälle tritt ein Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule (LWS) auf. Drückt er dort auf Nerven, kommt es zu heftigen Rückenschmerzen. Jede Bewegung verschlimmert den Schmerz, sodass man automatisch eine Schonhaltung einnimmt. Die Muskulatur verhärtet sich. Außerdem kann es zu neurologischen Ausfallerscheinungen wie Kribbeln im Bein oder Lähmungen im Bereich der Beinmuskulatur kommen. Manchmal können Betroffene nicht mehr auf der Ferse oder der Fußspitze stehen. Nur in circa zehn Prozent aller Fälle kommt es an der Halswirbelsäule (HWS) zu einem Bandscheibenvorfall. Dann schmerzt vor allem der Nacken und es kann ebenfalls ein Kribbeln oder Taubheit im Arm auftreten. Oftmals strahlen die Schmerzen in den Hinterkopf, den Arm oder die Hand aus. Der Bandscheibenvorfall an der Brustwirbelsäule ist sehr selten und betrifft nur etwa zwei Prozent aller Bandscheibenvorfälle. Die Symptome sind unspezifisch und werden manches Mal mit Lungen-, Herz- oder Magenproblemen verwechselt.

Therapie

Fast 90 Prozent aller Bandscheibenvorfälle bekommt man mit einer konservativen Behandlung in den Griff. Diese besteht aus schmerzlindernden und entzündungshemmenden Mitteln, Wärmetherapie und der Normalisierung der Rückenmuskulatur durch Sport und Physiotherapie. Nur bei besonders schweren Bandscheibenvorfällen, infolgedessen Lähmungen, Sensibilitätsverlust, unerträgliche Schmerzen oder eine Stuhl- und Harninkontinenz auftreten, handelt es sich um einen akuten Notfall, der auch operiert werden muss. Dies war bei mir zum Glück nicht nötig. Und mittlerweile weiß ich auch: Ein Bandscheibenvorfall ist schmerzhaft – aber zum Glück nur temporär. Mit der richtigen Behandlung und einem dauerhaften Bewegungsprogramm kann man nach einiger Zeit wieder völlig schmerzfrei durchs Leben gehen. jk //

Tipp: Wie Sie einem Bandscheibenvorfall vorbeugen können

• Auf ein gesundes Körpergewicht achten.
• Arbeitsplatz rückenschonend einrichten.
• Längere Sitzphasen mit Bewegungspausen unterbrechen.
• Regelmäßig Sport treiben, zum Beispiel Nordic Walking, Rückenschwimmen, Pilates, Yoga oder Gerätetraining. Das kräftigt die
Rumpfmuskulatur.
• Die richtige Matratze unterstützt die Wirbelsäule beim Schlafen (Härte entsprechend dem Körpergewicht wählen).

Experten-Interview: „Die Zahl der jüngeren Patienten steigt.“

3 Fragen an Dr. med. Karim Soulatian, Facharzt für Neurochirurgie in Darmstadt:

Bekommen mehr ältere oder mehr jüngere Menschen einen Bandscheibenvorfall?

Bandscheibenvorfälle kommen meist zwischen dem 20. und 65. Lebensjahr, besonders in der Zeit beruflich hoher Aktivität, vor, und weisen einen Altersgipfel in der vierten Dekade auf. In den letzten Jahren nimmt die Anzahl der jüngeren Patienten aufgrund der steigenden Digitalisierung in Schule und Freizeit und des damit einhergehenden Bewegungsmangels zu.

Welche verschiedenen Möglichkeiten gibt es bei einer Operation?

Bei gesicherter Höhenlokalisation des Vorfalls wird eine Diskektomie (Entfernung von Bandscheibenmaterial) vorgenommen. Das Bandscheibenmaterial kann mikrochirurgisch entfernt werden. Hierbei kommt ein hochspezifisches Mikroskop zur Anwendung. Vor allem bei einem Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule (zervikal) wird das Bandscheibenmaterial durch einen Platzhalter (Cage, Prothese) ersetzt. Die Methode der Wahl ist die mikrochirurgische Dekompression (Erweiterung des Wirbelkanals). Der Vorteil dieser Methode besteht im geringeren Operationstrauma. Zudem bleiben mehr Muskeln und Nerven erhalten. In meiner Praxis werden ungefähr 10 bis 15 Prozent der betroffenen Patienten operiert.

Was sollte man bei Sport mit Bandscheibenvorfall beachten?

Neben der Krankengymnastik, die unter Anleitung stattfindet, führt der Patient immer auch ein eigenes Sport- und Bewegungsprogramm durch. Die Rückenschulübungen und das Sportprogramm müssen dem Alter und Allgemeinzustand des Patienten angepasst werden. Grundsätzlich soll der Patient selber unter rückengerechtem Verhalten täglich seine Grenzen abtasten und sich dementsprechend belasten. Allgemein gilt: „Alles, was guttut, darf der Patient machen.“

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