Mit feinen Antennen durch die Welt

Zu laut, zu hektisch – manche Menschen schafft das Leben schneller als andere. Ab wann gilt man jedoch als hochsensibel? Eindeutig lässt sich das nicht feststellen, aber es gibt sichere Indizien.

Paul* hat von Geburt an viel geschrien, er war sehr präsent und wollte alle Eindrücke aufsaugen, oft war ihm das jedoch schnell zu viel.“ Sabine Neubauer* spricht über die Babyzeit mit ihrem mittlerweile dreijährigen Sohn. Als dieser zehn Monate alt war, vermutete der Kinderarzt, Paul habe möglicherweise einen besonderen Wesenszug: Hochsensibilität. Später kamen ein extrem ausgeprägter Ordnungssinn und ein überdurchschnittlicher Schlafbedarf dazu, was die Vermutung stützte. „Hochsensibilität lässt sich tatsächlich bereits in den ersten Lebensjahren bei Kindern beobachten“, bestätigt Sylvia Harke, Diplom-Psychologin und selbst hochsensibel. „Die Überreizung des Nervensystems zeigt sich gerade bei Kleinkindern in Phasen von Stress, etwa bei der Eingewöhnung im Kindergarten, bei Klassenarbeiten oder im Kontakt mit Fremden. Natürlich sollte aber auch geschaut werden, ob nicht Geburtskomplikationen, Allergien, Erkrankungen oder familiäre Spannungen hinter dem häufigen Weinen des Kindes stecken“, betont sie. „Wenn es jedoch im Vergleich mit gleichaltrigen Kindern mehr ist, liegt der Verdacht nahe, dass das Kind über eine ausgeprägte Sensibilität verfügt.“ ZWISCHEN WISSENSDURST UND ÜBERFORDERUNG Paul würde damit zu geschätzt 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung gehören, die mit der Temperamentsveranlagung Hochsensibilität zur Welt gekommen sind. Sie haben feinere Wahrnehmungsantennen und verarbeiten Informationen und Reize intensiver und ungefilterter als andere Menschen. Hochsensible denken meist gründlich nach, bevor sie handeln, empfinden starke Emotionen und reflektieren Lebensereignisse überdurchschnittlich. Ein Hang zum Grübeln ist keine Seltenheit. „Da Hochsensible deutlich mehr wahrnehmen, fühlen sie sich schneller von Eindrücken überreizt“, sagt Sylvia Harke. „Sie brauchen Rückzug und Ruhe, um Erfahrung zu verarbeiten.“ Das kann auch Sabine Neubauer für ihren kleinen Sohn bestätigen. Seit jeher gibt es im Umgang mit ihm einen schmalen Grad zwischen Förderung und Überforderung. Mit steigendem Alter bemerkte sie zu ihrer Freude, dass Paul besser zurechtkam. Wenn es ihm zu viel wird, zieht er sich nun zurück. Kreative Seiten lebt er aus. „Er malt gern, fängt schon an zu lesen und zu zählen“, erzählt die Mutter. „Letztens haben wir zusammen einen Tritthocker aufgebaut. Während ich noch die Anleitung studierte, fing er schon an, die Teile mit Schrauben und einem Inbusschlüssel zusammenzusetzen. Ich staunte in diesem Moment einfach nur.“

Ein junges Forschungsfeld

Weltweit bekannt wurde der Begriff der Hochsensibilität durch die US-amerikanische Psychotherapeutin Elaine Aron. 1997 entwickelte sie mithilfe von Interviews eine systematische Skala zum Erkennen dieses Persönlichkeitsmerkmals. Wissenschaftlich belegt ist es jedoch nicht. Einige Studien mit Magnetresonanztomografie lassen vermuten, dass bei Hochsensiblen bestimmte Gehirnbereiche stärker aktiviert werden. Ein eindeutiges und anerkanntes Diagnose-Verfahren existiert allerdings bislang noch nicht.

Abgrenzung und Selbstfürsorge

Viele Hochsensible begleitet ein Gefühl der Andersartigkeit durchs Leben. Mitunter kann mit einem überempfindlichen Gemüt auch Leiden einhergehen. Typisch sind beispielsweise Probleme bei der Verarbeitung von Lärm, sozialer Stress, Ängste und Minderwertigkeitsgefühle. Negative Erlebnisse – wie etwa Mobbing in der Schulzeit – können zu einem überangepassten, vermeidenden Lebensstil führen. „Hochsensible Menschen sollten möglichst früh über ihre eigenen Bedürfnisse nach Ruhe, Rückzug und sozialer Harmonie Bescheid wissen“, sagt Sylvia Harke. „Wenn sie kreative oder naturverbundene Hobbys pflegen können, fördert dies nachhaltig ihre Resilienz und verbessert den Umgang mit Stress.“ Wer unter Ängsten, Depressionen oder Burn-out leidet, sollte unbedingt Hilfe in einer Psychotherapie suchen.

Im Alltag sind Abgrenzung und Selbstfürsorge entscheidende Standpfeiler für Hochsensible. Denn dann können sich ihre tollen Eigenschaften am besten entfalten. „Hochsensible sind sehr tiefgründig, kreativ, haben oft eine lebhafte Fantasie“, erzählt Sylvia Harke aus ihrer Arbeit mit Hochsensiblen. Im sozialen Bereich beschreibt die Psychologin sie als sehr hilfsbereit, genau und empathisch. Ein starkes Verantwortungsgefühl zeichnet sie aus. „Sie sind stets auf der Suche nach Sinn und haben den tiefen Wunsch, etwas Gutes in der Welt beizutragen“, so Harke. Mit einem sicheren Rückzugsraum kann das auch gut gelingen. jab //

*Namen wurden von der Redaktion geändert

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