Wohnkonzepte – Wer ist schon gern allein?

Wohnkonzepte

Die Globalisierung erfordert viel Flexibilität von uns – im Job wie im Privaten. Steigende Mieten machen uns gleichzeitig unflexibler; wer gibt schon leichtfertig seine vielleicht noch günstige Wohnung oder ein Haus zugunsten eines Ortswechsels auf? Und was, wenn irgendwo in der Republik ein spannendes Jobangebot wartet, das man eigentlich gern annehmen möchte?

Ein einsames Bergdorf auf Sardinien in den 1950er-Jahren. In Gavino Leddas „Padre Padrone“ spielt hier eine ergreifende Szene: Junge Männer verabschieden sich auf dem Dorfplatz von Familie und Freunden. Vielleicht für immer, denn sie werden in die Fremde ziehen müssen, um Arbeit zu finden. Nach Australien, mindestens aber nach Amerika. Wahrlich weit weg für damalige Zeiten. Denn man wusste noch nichts vom Pendeln und vom Kontakthalten via SMS oder Facebook. Man ging in die Fremde und war womöglich für immer weg. Zum Glück ist das heute anders.

Julia (34), Architektin, verheiratet, zwei Kinder im Grundschulalter, muss auch in die Fremde: wöchentlich nach Berlin. Es hat sich so ergeben. Das Architekturbüro, bei dem sie einen vermeintlich sicheren Job in Nürnberg hatte, verlegte seinen Fokus aufs boomende Berlin. Mitgehen oder den Job verlieren war ihre Wahl. Julia hat sich fürs Pendeln entschlossen und damit gehört sie zu den 60 Prozent der arbeitenden deutschen Bevölkerung, die zur Arbeit pendeln. Nicht alle pendeln so weit wie Julia, aber sie pendeln. Zwei bis drei Nächte pro Woche sind für Julia seit nunmehr vier Jahren fern von zu Hause, von Familie und Freunden, vom eigenen Bett und Sofa „zu stemmen“, wie sie es ausdrückt. Mit Stemmen meint Julia, dass sie in Berlin nicht vereinsamen möchte. Tagsüber ist es ja kein Problem, da ist sie im Kreise der Kollegen beschäftigt und ein paar Handynachrichten mit der Familie und Freunden geben das Gefühl, das Privatleben nicht aus dem Auge zu verlieren. Aber abends fühlte es sich gerade am Anfang anders an: In Nürnberg würde sie die Kinder ins Bett bringen, danach vielleicht ein Glas Wein mit Ehemann Tim teilen, einfach vor dem Fernseher einschlafen, mal ins Yoga gehen oder die Eltern besuchen. Es brauchte etwas Zeit, bis Julia anfing, sich in Berlin abends wohlzufühlen. Julia gärtnert am Wochenende gern im eigenen Garten des Reihenhauses, in Berlin gärtnert sie mit einer Kollegin beim Urban-Gardening-Projekt auf dem stillgelegten Flughafengelände Tempelhof. Klar, nur im Sommer. Aber zum wöchentlichen Lauftreff des Nike+ Run Club NRC geht sie auch im Winter. Sie war auch schon mit den Mädels von Adidas Runners in Mitte unterwegs. Dann hat Julia die vielen exotischen Restaurants von Berlin ins Herz geschlossen. Und das tolle Kinoprogramm. Sie verabredet sich wöchentlich mit einer Kollegin zum Essen, ins Kino kann sie im Zweifelsfall auch allein gehen. Und wenn Julia dann am Freitagabend im ICE nach Nürnberg sitzt und sich auf zu Hause freut, denkt sie, dass die aktuelle Aufstellung ihres Lebens gar nicht so schlecht ist.

»Durch meinen Lauftreff habe ich ganz schnell Anschluss gefunden und bin unter der Woche nie wirklich allein.« – Julia (34), Berufspendlerin zwischen Nürnberg und Berlin

Wo und wie wohnen?

Was Julia aber am meisten beschäftigt hat, war die Frage, wo und wie sie in Berlin wohnen soll. Hotel? Noch eine Wohnung einrichten neben ihrem Zuhause in Nürnberg, das wollte sie nicht. Zudem konnte sie aufgrund der starken Nachfrage auf dem Berliner Wohnungsmarkt nichts passendes finden. Dann entdeckte sie irgendwann das Boardinghouse Flower’s auf der Alten Schönhauser Straße in Mitte. Inmitten des Lebens und doch ruhig. Hier bezieht Julia pro Woche dasselbe kleine Appartement, bestehend aus einem separaten Schlafraum und einem offenen Livingbereich mit kleiner Küche. Aber es gibt eben auch ein Sofa und einen Fernseher und ein paar schöne Weingläser, sodass ein wenig Wohnungsgefühl aufkommt. Vorm Schlafen liest sie in dem kleinen, intimen Zimmer mit Sisal-Teppich noch ein wenig. Das Tollste ist aber: Wenn Julia am Dienstag- oder Mittwochabend spät im Boardinghouse ankommt, liegt der Schlüssel beim Italiener vis-à-vis. Dann gibt es vielleicht noch eine kleine Portion Pasta oder Salat, in jedem Fall ein Glas Wein und einen Schwatz mit dem Personal – man kennt sich bereits. Für Julia fühlt sich das sehr heimelig an.

Homeoffice, nein Danke!

Häufig telefoniert Julia abends auch mit ihrer Schwester Nina (29), Redakteurin. Nina macht aktuell eine Elternzeitvertretung in einer Redaktion in München. Nachdem sie ihren Job bei einer Zeitung in Wiesbaden aufgrund sinkender Auflagen verloren hatte, versuchte sie sich als Freelancerin im Homeoffice. Julia und Nina müssen immer lachen, wenn Nina aus ihrer heutigen Sicht diese Zeit beschreibt. Am Anfang war es toll: in Jogginghose arbeiten, die Müslischüssel auf dem Schoß. Irgendwann wurde aus der Jogginghose der Schlafanzug. Duschen? Reicht auch abends, wenn man ausgeht. Was sich für ein paar Tage tatsächlich wie Luxus anfühlen kann – ein Stück Freiheit, ein Miniurlaub von den Anforderungen der Gesellschaft –, bezeichnet Nina bei sich als „Prozess der freiwilligen Verwahrlosung“. Irgendwann war Nina das Arbeiten im Jogging- oder Schlafanzug leid. „Ich war auf dem besten Weg, kauzig zu werden!“, sagt die junge Frau. Sie buchte einen Platz in einem Co-Working-Space in Wiesbaden und hatte wieder das Gefühl, zur Arbeit zu gehen und sich auch dafür zu kleiden und zu schminken. Doch hier fühlte sich Nina mindestens genauso einsam: um sie herum Leute, mit denen sie letztlich keinen Austausch hatte. Viele noch dazu mit schalldichten Kopfhörern über den Ohren, weil sie bei der Arbeit Musik hörten. Da kam das Angebot in München gerade recht. Als Nina nach München ging, riet ihr Julia, gleich nach einer schön möblierten Wohnung zu schauen. Über Mr. Lodge hat Nina die auch gefunden. Klar, recht weit außerhalb, bei den Mieten in München. Aber München hat ja ein Top-Nahverkehrsnetz. Anfangs spielte sich Ninas Sozialleben weitestgehend auf Facebook ab. Doch mittlerweile sieht ihr Leben anders aus. Offline hat die Oberhand gewonnen. Sie fährt viel Rad, genießt am Wochenende die schöne Natur Oberbayerns. Viele Freunde kommen sie besuchen, weil sie wissen, Ninas Schlafangebot ist auf ein Jahr beschränkt. Und Nina hat jemanden kennengelernt! In Frankfurt, sodass sie mindestens einmal monatlich nach Frankfurt pendelt, Anton in die andere Richtung. „Generation ICE“ nennen sich die beiden Schwestern und müssen darüber lachen.

Co-Living auf dem Land?

Wenn Nina länger in München bleiben würde, fände sie für sich auch Co-Living interessant. Da gibt es bereits die ersten Projekte: kleiner eigener Wohnraum, aber viele gemeinschaftliche Flächen – keiner muss hier den sonntagabendlichen Tatort allein schauen. Im Grunde kennt Nina das aus Studienzeiten. Mit dem Unterschied, dass die Gemeinschaft auf dem Gang im Neonlicht inmitten der Wäscheständer und improvisierten Schuhregale aus alten Weinkisten früher selbst organisiert war. Die Sozialangebote der neuen Projekte hingegen sind von vornherein Herzstück des Wohnkonzeptes. Und warum nicht auch auf dem Land leben? Wenn es online als auch offline Anbindung gibt? Viele Leute, die sie in München kennt, ziehen aktuell aufs Land. Gerade die mit Kindern, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können. Und Nina hat zunehmend den Eindruck, es läuft zum einen auf Dörfer im Umkreis von München hinaus, wo nichts passiert, und zum anderen auf Dörfer, in denen sich rasant schnell neue Communitys aus Städtern bilden.
Manchmal sprechen Julia und Nina auch über ihre Eltern. Dass es schön wäre, irgendwann ein Mehrgenerationenprojekt zu gründen. Aber das müsse wohl in Anbetracht der explodierenden Mieten in Ballungsgebieten auf dem Land passieren. „Dann musst du aber dafür sorgen, dass ich noch vor dem gemeinsamen Mittagessen dusche!“, scherzt Nina mit ihrer älteren Schwester. Einig sind sich die beiden Schwestern auch in diesem Punkt: Der Mensch ist nicht für die Einsamkeit gemacht. Rückzug gern immer wieder. Aber wohl fühlt sich der Mensch erst richtig in der Gemeinschaft. Gut, dass sich für diejenigen in der Fremde heute so viele Online- und Offline-Möglichkeiten bieten, nicht zu vereinsamen! mf //
Webtipps
Übersicht verschiedener Wohnprojekte in Deutschland:
www.wohnprojekte-portal.de

Online-Magazin zu alternativen Wohn- und Lebensformen:
www.bring-together.de/de/magazin

Zukunftsinstitut, Dossier Wohnen:
www.zukunftsinstitut.de/dossier/dossier-wohnen/

„Flexibilität ist ganz wichtig.“ – Experten-Interview mit Oona Horx-Strarhern

Oona Horx-Strathern kommt aus London. Seit über 20 Jahren teilt die Trendforscherin, Beraterin, Rednerin und Autorin ihr Leben zwischen Deutschland, England und dem „Future Evolution House“ in Wien, das sie mit ihrem Mann, dem berühmten Trendforscher (Gründer des Zukunftsinstituts) Matthias Horx gebaut hat. Mehr Infos unter www.horx.com

Wie flexibel muss unser Wohnen zukünftig aussehen?

Flexibilität ist ganz wichtig. Das leben wir auch mit unserem Future Evolution House: Es soll die gesellschaftliche Entwicklung mitmachen und widerspiegeln. Alles wächst und ändert sich, auch Familienstrukturen. Um diese Entwicklungen flexibel mitzumachen, entstanden vier Module in zwei Baukörpern: das Wohnhaus und das Bürohaus. Das zweigeschossige Arbeits- und Büromodul ist räumlich komplett vom Wohnbereich getrennt. Dieser teilt sich in den „Hub“ (Kombination aus Wohnzimmer und Küche), in „Love“ (wohnraumartiger Badesalon und Elternschlafzimmer) und in „Guest/Kin“ (Kinderzimmer, Badezimmer, Teeküche) auf. Sollten die Kinder ausziehen, kann dieser Bereich als Gästehaus genutzt werden; sollte zumindest eines bleiben wollen, ist dieser als vollwertiges kleines Appartement nutzbar – hier sind Bewegung, Leben, Flexibilität schon durch die Konstruktion ermöglicht.

Wie wichtig ist „Collaborative Living“?

Jeder Trend hat einen Gegentrend und Individualität erzeugt einen Trend zu
Community. Deshalb gibt es in den Städten einen massiven Trend zum „neuen
Kooperatismus“: von Co-Mobility über Co-Working und Co-Gardening zu
Co-Living. Die Wohnungen werden zukünftig tendenziell kleiner sein, auch weil in den Städten das Bauen und der Platz dafür teuer sind. Doch weniger Fläche heißt nicht automatisch auch weniger Raum, denn in den Häusern wird es vermehrt „Shared Spaces“, also gemeinschaftlich genutzte Bereiche geben. In manchen Städten beträgt der Anteil der Singlehaushalte bereits heute mehr als 50 Prozent. Wenn wir uns im Bereich des Wohnens nicht zusammentun, werden wir zusehends vereinsamen. Es geht um ein anderes Denken, um neue, kommunikative Wohnformen, die das Individuelle mit dem Gemeinschaftlichen verbinden. Das heißt, in der Zukunft wird die Nachfrage nach Wohnraum nicht mehr von der Quadratmeterzahl bestimmt, sondern von der Qualität der „Shared Spaces“.

Wem gehört die Zukunft – dem Leben in der Stadt oder auf dem Land?

Beidem!

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