Neustart – Alles auf Anfang

Neustart

Zu Beginn ist es vielleicht nur eine leise Dissonanz, ein leichtes Unbehagen, das uns begleitet, ein diffuses Gefühl, dass etwas nicht stimmig ist. Im Alltag mit seinen festen Routinen gehen wir darüber hinweg. Bis es irgendwann unüberhörbar deutlich laut in uns ruft: Ich will ein anderes Leben führen. 

Eine Tätigkeit, in der wir keinen Sinn mehr sehen, eine Partnerschaft, in der entweder zunehmend eisige Stille oder hitziger Streit herrscht, eine Stadt, die früher aufregend für uns war, aber heute nur noch laut, dreckig und hektisch ist – wenn Lebensumstände uns nicht guttun, merken wir das je nach Persönlichkeit an einer bleiernen Energielosigkeit, wir sind gereizt oder traurig und manchmal sendet uns sogar der Körper Warnsignale. Ein untrügliches Zeichen, dass wir etwas ändern sollten. Doch warum verharren wir so oft in der Unzufriedenheit, statt andere Wege zu gehen? Sich und anderen eine falsche Entscheidung einzugestehen, fällt nicht leicht. Das Phänomen beschreibt die sogenannte „kognitive Dissonanz“: Ich bleibe in einem Beruf, der mich nicht erfüllt, weil eine Neuorientierung auch bedeuten würde, dass meine Ausbildung, mein Studium und die Jahre im Job umsonst und eine Fehlentscheidung gewesen sind. Also lasse ich lieber alles unverändert. Auch die Angst vor dem Unbekannten kann uns lähmen und daran hindern, aktiv zu werden. Schuld ist unser Gehirn: Möglichst effizient und energiesparend arbeiten – so funktioniert es und belohnt uns mit dem „Glückshormon“ Dopamin, wenn uns etwas vertraut ist. Selbst von unglücklich machenden Lebensumständen trennen wir uns manchmal nicht. Das Unbekannte wird als Bedrohung empfunden, selbst wenn sich dahinter das Glück verbirgt.
Um die missliche Lage vor uns selbst zu rechtfertigen, geben wir die Verantwortung für unser Leben an die äußeren Umstände ab. Mit dem Ohnmachtsgefühl, in der Situation gefangen zu sein, begeben wir uns in die Opferrolle: Wegen der Kinder kann ich mich nicht scheiden lassen. Ich enttäusche meine Eltern, wenn ich das Geschäft nicht weiterführe. Wenn ich die Festanstellung aufgebe und Yogalehrer werde, kann ich die Miete für diese Wohnung nicht mehr zahlen. – Der Gedanke, dass die Kinder in der zerrütteten Ehe leiden könnten, dass man nicht auf der Welt ist, um die Erwartungen der Eltern zu erfüllen, oder dass das Glück auch in einem kleinen Appartement wohnen kann, wird abgeblockt. Denn er öffnet zwar wahrscheinlich den Weg in ein glücklicheres Leben, bedeutet aber Veränderung. Und damit Anstrengung.

Wie gelingt der Neustart?

Voraussetzung ist ein Leidensdruck, der klarmacht: So geht es nicht mehr weiter. Außerdem braucht es den innigen Wunsch zu einem Ziel. Beides zusammen kann unsere Ängste besiegen und uns zum Aufbruch bewegen.

Bei Christine (37) war dies ein langer Prozess. Nach ihrem Studium im Medienbereich arbeitete sie in einer Werbeagentur. Bereits nach zwei Jahren wurde Christine klar, dass diese Arbeit sie nicht erfüllt. „Ich hatte ganz andere Vorstellungen, ich hatte geglaubt, dass dieser Beruf mehr Kreativität verlangen würde. Außerdem bin ich ein zu agiler Typ, um den ganzen Tag vor dem Rechner zu sitzen“, erklärt sie. Sie versuchte es dennoch, zunächst mit einem Jobwechsel in eine andere Agentur. Das Gefühl, mit ihrer Tätigkeit Zeit zu verschwenden, blieb. „Ich war unglücklich, es war so anstrengend, mich die ganze Zeit zu etwas zu zwingen, was ich nicht tun wollte“, erinnert sich Christine. In ihr wuchs immer stärker der Wunsch nach einem anderen Job. Nur welcher? Sie wägte sorgfältig ab: Was interessiert mich, was entspricht mir? Auch finanzielle Überlegungen und langfristige Aussichten spielten eine Rolle. „Ich habe mir mit meiner Entscheidung Zeit gelassen, sie sehr bewusst getroffen. Um mich zu informieren, habe ich mit Leuten gesprochen, die den Beruf ausüben, der mich interessierte. Bei Physiotherapeuten habe ich zum Beispiel Praktika gemacht“, so Christine über ihre Entscheidungsphase. Die Physiotherapie konnte sie als Berufsfeld nicht überzeugen. Aber die Polizei. Hier ist sie nun seit sechs Jahren tätig, mit ungebrochener Begeisterung. Wenn Christine über ihre Arbeit spricht, strahlt sie eine fühlbare Energie aus. Was sie in ihrer Tätigkeit erfüllt? „Ermittlungserfolge bei Delikten – wenn sich der Fall im Laufe der Ermittlungen wie ein Puzzle zusammensetzt, der Tathergang aufgedeckt, der Täter gefasst ist und es im Idealfall zu einer Verurteilung kommt“, erzählt Christine. Auch die Verantwortung, die Vielseitigkeit und die Entwicklungsmöglichkeiten des Berufs überzeugen sie. Ihr Neustart ist gelungen – ob sie einen Tipp hat? „Einfach weniger Angst haben! Es tut sich immer eine neue Option auf. Man darf sich bei der Entscheidung ruhig die Zeit nehmen, die man braucht. Schließlich geht es darum, wirklich das Richtige zu finden.“ Als Marie (43) sich nach 17 Jahren Beziehung von ihrem Partner trennte, war der Schock bei Freunden und Familie groß. Niemand hätte erwartet, dass sich dieses Traumpaar jemals trennen würde. Ihre Geschichte klingt wie ein Märchen: Maries Großeltern lernten Jonathans Familie während eines Urlaubs kennen und freundeten sich an. Schon bald besuchte die französische Familie mit Kindern und Enkeln die deutsche Familie an der Bergstraße. Marie, damals 15, und der fünf Jahre ältere Jonathan verliebten sich sofort. Ein Jahr später waren sie ein Paar. Nach dem Abitur war für Marie klar: Sie zieht zu ihrem Freund nach Deutschland. Zunächst lebten sie bei seinen Eltern, doch schon bald begann Jonathan sein großes Projekt, ein eigenes Haus. Marie fing mit ihrem Studium an. Als das Haus fertig gebaut war und Marie ihr Studium beendet hatte, merkten die beiden jedoch, wie sehr sie sich mittlerweile auseinandergelebt hatten. „Es war wirklich eine harte Entscheidung. Wir konnten weder miteinander noch ohneeinander leben. Trotz der gegenseitigen großen Zuneigung haben wir gewusst, dass die Liebe vorbei ist. Jonathan sagte zu mir: ‚Wenn wir zusammenbleiben, gehst du kaputt‘“, erinnert sich Marie. Er meinte damit, dass Marie sich bei ihm nie wirklich entfalten konnte. Sie zog aus und ging damit ihren Weg in die Unabhängigkeit. Zuvor hatte ihr Freund viele Entscheidungen getroffen und ihr vieles abgenommen. In den ersten Wochen fühlte sich Marie noch etwas unsicher. Aber es dauerte nicht lang, da genoss sie das Single-Leben: „Wie toll das war, alles allein entscheiden zu können! Außerdem gibt mir mein Beruf als Lehrerin sehr viel Kraft, darin gehe ich voll auf.“ Ein neuer Partner kam für sie lange nicht infrage. „Nein, diese gewonnene Freiheit war so neu und schön, das wollte ich voll auskosten. Ich wollte keine Beziehung“, unterstreicht Marie. Auch nicht, als sie einige Jahre später ihren heutigen Partner kennenlernte. „Ich habe ihn ein halbes Jahr zappeln lassen“, schmunzelt sie. Und sie fügt hinzu: „Er hat es mit mir schon etwas schwerer als Jonathan damals. Heute weiß ich genau, was ich will.“ Für Marie hat dieser Neuanfang eine ganz besondere Kraft entfaltet, der Aufbruch in die Ungewissheit hat ihr Bewusstsein geschärft, insbesondere für ihre Lebensziele und für das, was ihre Persönlichkeit ausmacht. Es ist die Erfahrung der „Selbstwirklichkeit“: Ich bestimme über mein Leben, nicht die Umstände und nicht die anderen. So erging es auch Marijke (44) mit ihrem Umzug von Köln nach Hamburg vor acht Jahren. „Für meine Entscheidung gab es mehrere Gründe: Zum einen der lang gehegte Wunsch nach Veränderung, zum anderen war es ein konkretes Jobangebot, das mir einen ordentlichen Gehaltssprung und die Chance, mich beruflich weiterzuentwickeln, ermöglichte. Während der ganzen Zeit war ich überzeugt, dass das der richtige Schritt ist. Deswegen war ich auch keinen Augenblick verunsichert oder skeptisch“, erinnert sie sich. Marijke hat sich schnell eingelebt: die Stadt und das Partyleben entdecken, Kulturveranstaltungen und Musikkonzerte besuchen. „Im Prinzip waren Stadt und Menschen komplett neu für mich. Das habe ich aber eher als befreiend empfunden, denn so konnte ich noch einmal komplett von vorne anfangen. Einen Reset machen“, erzählt Marijke. Kontakte hatte sie anfangs vor allem zu Kollegen, daraus sind auch Freundschaften entstanden. Als kontaktfreudige Rheinländerin hatte sie damit keine Probleme. Ihre Tipps für die, denen ein Umzug in eine neue Stadt bevorsteht? „Heutzutage gibt es so viele Plattformen, über die man neue Kontakte suchen und finden kann. Oder man besucht Konzerte, Vorträge oder andere Events – keine Angst, das geht auch allein gut. Wer das Glück hat, nette Kollegen zu haben, kann sich diesen anschließen. Oder aber man macht es so wie ich, schwingt sich aufs Fahrrad, radelt durch die Stadt und kommt auf einer Bank an der Alster mit jemanden aus der alten Heimat ins Gespräch.“ gs //

3 Tipps, um leichter Entscheidungen zu reffen

1. Der Entscheidungsbaum
Wem mehrere Möglichkeiten zur Auswahl stehen und wer es analytisch angehen will, der spielt Schiedsrichter: Alle Optionen treten gegeneinander an, der Gewinner kommt in die nächste Runde. Sie entscheiden, wer ins Viertelfinale und Halbfinale kommt und schließlich gewinnt. Die Herausforderung dabei ist, die Vor- und Nachteile der Optionen zu gewichten.

2. Der Perspektivwechsel
Wenn die Gedanken unkontrolliert kreisen, immer wieder die gleichen Fragen auftauchen, aber keine Antworten, wenn Ängste oder Befürchtungen Lösungen blockieren, dann ist es Zeit für einen Blick aus einer anderen Perspektive, von außen. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der sich in einer ähnlichen Situation wie Sie befindet. Was würden Sie ihm raten?

3. Die 10-10-10-Methode
Wagen Sie einen Blick in die Zukunft. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Entscheidung getroffen. Wie würden Sie sich 10 Minuten, 10 Monate und 10 Jahre danach fühlen? Wie könnte Ihr Leben dann aussehen? Nach 10 Minuten? Erleichtert? Nervös? Voller Elan? Dieses Gefühl bringt Ihr Bauchgefühl zum Ausdruck. Nach 10 Monaten? Nun sind die Auswirkungen Ihrer Entscheidung deutlich zu spüren, Ihr Leben hat sich verändert. Positive wie negative Folgen können sich nun zeigen. Malen Sie sich möglichst detailliert aus, was passieren könnte. Diese analytische Frage dient dazu, Risiken und Chancen abzuwägen. Nach 10 Jahren? Die Frage offenbart Ihre innersten Überzeugungen, Wünsche und Werte, sie zeigt auf, ob die Entscheidung Ihrer Persönlichkeit und Ihren Vorstellungen von einem guten Leben entsprechen kann.

So gelingt der Neustart

Loslassen, um die Hände frei zu haben
Damit der Neustart gelingt, müssen Sie sich verabschieden, etwas hinter sich lassen. Und zwar das, was Sie frustriert, lähmt, Ihre Lebensenergie raubt oder Sie unglücklich macht. Manchmal sind es Erwartungen anderer oder überholte Glaubenssätze, die Sie an Ihrem Aufbruch hindern, wie „Ich muss erfolgreich sein“ oder „Ich muss es allen recht machen“. Schreiben Sie es auf Papier und verbrennen Sie es.

Reiseplanung in Ihr neues Leben
Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Reise planen? Genau, Sie überlegen, was Sie mögen und erleben möchten. Dann suchen Sie das passende Ziel. Fragen Sie sich also, wann Sie glücklich sind. Tipps zur Beantwortung finden Sie auch in unserem Artikel ab Seite 8. Nehmen Sie sich Zeit für diese Überlegungen, sorgen Sie für einen entspannten Rahmen. Wenn das Ziel feststeht, gehen Sie in die Planung, Sie legen den Zeitraum für die Reise, Ihren neuen Lebensweg, fest. Gute Vorbereitung lässt das Vorhaben gelingen, doch selbstverständlich können Sie nicht alles planen. Aber Sie wissen ja: Wenn es Ihnen dort nicht gefällt, reisen Sie eben einfach weiter.

Keine Angst vorm Scheitern
Um es mit Samuel Becketts Worten zu sagen: „Try again. Fail again. Fail better.“ Das bedeutet: Versuch es wieder, versag noch einmal, versage besser. Auch wenn wir unser Bestes geben, bleiben Faktoren, die wir nicht beeinflussen können. Hugo von Hoffmannsthal sagte: „Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.“ Das macht den Neustart so aufregend, er birgt pures Leben in sich. Ein Abenteuer, in dem wir die Helden sind.

Zum Weiterlesen

„Alles auf Anfang: Auf den Spuren gelebter Träume“ von Manuel Möglich, Rowohlt Verlag 2018, 18 Euro. Inspiration von Menschen, die ihrem Traum nach einem neuen Leben folgen – ob im Benediktinerkloster, auf Baumhäusern oder bei den Kirschblütlern in der Schweiz. Utopien? Vielleicht, doch es lohnt, das eigene Leben hin und wieder auf den Prüfstand zu stellen.
„Neuanfänge – Veränderung wagen und gewinnen“ von Sibylle Tobler, Klett-Cotta-Verlag 2015, 17 Euro. Ein Leitfaden für den Neustart. Sibylle Tobler beschreibt die ersten Schritte eines Neuanfangs und wie man mit Veränderungen wachsen kann. Mit praxisnahen Tipps für alle, die ihr Leben positiv verändern wollen oder mit großen Veränderungen konfrontiert werden.

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