Alter!

Kolumne

Mehr Rückenschmerzen, aber dafür mehr Weisheit und Gelassenheit? Übers Älterwerden gibt es viele Vorstellungen. Auch unsere Autorin darf nun Ü-30-Partys besuchen – Zeit für sie, übers Alter nachzudenken.

Jaja, ich weiß, was Sie denken: 30, das ist doch kein Alter! Und Sie haben recht – eigentlich habe ich keinen Grund, mich zu beklagen. Denn heißt es nicht, 30 sei das neue 20? Was natürlich Quatsch ist: 30 ist und bleibt 30. Drei Jahrzehnte oder – noch eindrucksvoller –10 958 Tage sind vergangen, seit ich das Licht der Welt erblickt habe. Subtil, aber unaufhaltsam ist die Zeit seitdem vergangen. War nicht eben noch meine Einschulung? Hatte ich nicht gerade meinen ersten Kuss bekommen und etwas später wie wild fürs Abi gebüffelt? Meine Heimatstadt verlassen, um zu studieren? Mein erstes eigenes Gehalt verdient? Den Bund fürs Leben geschlossen? Vor Kurzem war ich noch eine der Jüngsten auf Studi-Partys und einen Wimpernschlag später bin ich auf Ü-30-Partys willkommen.

Mit dem Vollenden des dritten Jahrzehnts bin ich in einem Alter angekommen, in dem ich schon zurückblicken kann, aber hoffentlich noch viele erfüllte Jahrzehnte vor mir liegen. Erst kürzlich stellte ich gemeinsam mit einem Freund fest: 30 ist das beste Alter. Idealerweise hat man seinen Platz im (Berufs-)Leben gefunden, ist kein bettelarmer Student oder Azubi mehr und sich seiner selbst sicher. Dabeisein ist jetzt nicht mehr alles. Ein gemütlicher Filmabend anstelle der angesagtesten Party der Stadt? Kein Problem, denn gefeiert haben wir für zwei Leben.

Noch ein Plus des Älterwerdens: Gelassenheit. Was andere Menschen sagen und vermeintlich denken, interessiert mich weniger, scheinbar komische Blicke oder die schlechte Laune trifft mich nicht persönlich. Die Empfindlichkeit der jungen Jahre hat abgenommen – und das ist auch gut so! Viele in meinem Alter haben mit Ende 20, Anfang 30 auch noch keine Kinder, für die sie Verantwortung tragen. Unsere Eltern dagegen hatten in unserem Alter die Familienplanung oft bereits abgeschlossen. Ist das gut oder schlecht? Weder noch – nur anders. Wobei nicht zu leugnen ist, dass die biologische Uhr tickt und einem durchaus einen Strich durch die Rechnung machen kann. Mit der Pianisten- oder Profisportlerkarriere wird es wahrscheinlich nichts mehr und auch die Familiengründung jenseits der 40 kann schwierig werden. Zudem verändert sich das Aussehen – den Versprechungen der Kosmetikindustrie zum Trotz. Ich sehe heute anders aus als mit Anfang 20. Wann nur haben sich diese Linien um die Augen und die Nase-Mund-Falte vertieft? Wenigstens schauen wir nicht eines Morgens in den Spiegel und sind voller Falten. Es ist zum Glück ein langsamer Prozess, der uns auch alle mehr oder weniger gleichermaßen trifft. Und außerdem sind das sowieso nur Lachfalten!

Generell ist Humor die wahrscheinlich beste Medizin gegen Altersmelancholie. Die Uhr können wir nicht anhalten, aber wir können versuchen, dass sie sich gefühlt etwas langsamer dreht. Denn dies ist das Paradoxe am Alter: Früher schienen sechs Wochen Ferien wie eine Unendlichkeit, heute wundern wir uns, dass schon wieder Silvester ist. Dagegen hilft nur: die Zeit nutzen, im Moment leben, ganz da sein. Der Song des israelischen Musikers Asaf Avidan bringt es auf den Punkt: „One day, Baby, we’ll be old, and think of all the stories that we could have told.“ Lasst uns so leben, dass wir Geschichten zu erzählen haben! jab //
Redakteurin Jana Benke hat noch keine Alterserscheinungen außer ein paar Falten mehr, freut sich aber über mehr Gelassenheit.

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