Die Kunst, nein zu sagen

Öfters nein sagen

Während der Film „Der Ja-Sager“ mit Jim Carrey in der Hauptrolle 2008 noch Erfolge feierte, ist das Ja-Sagen nicht mal ein Jahrzehnt später aus der Mode gekommen – zu Recht?

Ihr erstes Wort war ‚Nein!‘“, sagt meine Freundin über ihre Nichte – und ich denke mir: Das wäre nie im Leben das Wort meiner ersten Wahl gewesen. Als das Mädchen sogleich als resolut, burschikos, geradezu einschüchternd beschrieben wird, dämmert mir allmählich, warum mein erstes Wort „Schuh“ war. Schuhe schützen vor Verletzungen, sie wärmen und schmücken – ein Nein hingegen separiert und setzt Grenzen und oft macht sich die Neinsagerin unbeliebt, weil sie aneckt. Und der Lohn für ihre Standhaftigkeit? Ihr werden maskuline Züge zugeordnet! All das spricht auf den ersten Blick nicht gerade für mehr Neins im Leben.

Doch warum wird „öfter nein sagen“ in unzähligen Achtsamkeits-Ratgebern und Wohlfühlmagazinen als Glücksformel angepriesen? Weil gerade diejenigen, die ihre Grenzen nicht kennen, die nicht wissen, wann sie nein sagen sollten, aufs Burn-out zusteuern. Auch mir fällt es nicht immer leicht, am Ende der Woche einen vollen Arbeitstisch zu hinterlassen oder mein regelmäßiges Sportprogramm ausfallen zu lassen, wenn Termine überhandnehmen – ein herzhaftes „Nein!“ fällt einem Kind wohl leichter. Ich habe mir dann einfach zu viel vorgenommen und stelle fest, dass ich wider Erwarten keine Superkräfte entwickelt habe, mit denen ich meinen Tag verlangsamen könnte. Es allen recht machen wollen, keine Abstriche machen können, helfen müssen, sich unersetzbar machen und perfekte Ergebnisse abliefern wollen – Erschöpfung und Überlastung betrifft insbesondere „engagierte, leistungsbereite und solidarische Menschen“, sagt Psychotherapeut Gunther Schmidt.1  Eine Nein-Kultur hat gerade für sie ihr Gutes. Wer kompetent nein sagen kann, schützt sich vor Überforderung. Wer gut plant und Aufgaben früh genug abgibt, bringt Ruhe in seinen Alltag, auch an stressreichen Tagen.

Doch was, wenn nicht ausreichend Mitarbeiter da sind, auf die verteilt werden könnte? Kennen Sie diese Freunde, die sich ausnahmslos immer zurückhalten, wenn es ums Organisieren von Festen oder Besorgen von Geschenken geht? Oder Kollegen, die immer gerade irgendetwas anderes zu tun haben und dann früher Feierabend machen, während andere sich bis Mitternacht aufopfern? Wenn hier Reden verlorene Liebesmüh ist, hilft es nicht, auch mal selbst nein zu sagen – denn das Fest findet nicht statt, das Geschenk wird niemand besorgen und die Aufträge werden sich nicht von selbst abarbeiten. Also treffen Sie in diesen Fällen am besten eine bewusste Entscheidung: Sie akzeptieren, dass Sie selbst aktiv werden müssen, weil Ihnen die Freundschaft oder der Arbeitsplatz das wert ist, oder Sie steigen aus, wenn Sie die Verhaltensmuster nicht verändern können.

Wer sich erst gar nichts gefallen lassen will, startet sein Leben vielleicht gleich mit einem Nein – doch empfehlenswert ist es allemal, die Welt zunächst einmal kennenzulernen, statt von vorneherein abzulehnen, denn hin und wieder hält sie doch auch einiges Schönes bereit!

Interview „Ich kann unmöglich allem gerecht werden“ (Psychologie Heute 01/2016).

 

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