Mythos Work-Life-Balance?

Blick aus dem Zugfenster

Unser Autor macht sich Gedanken über Entschleunigung und lässt sich bei einer Bahnfahrt in die Schweiz inspirieren (und entschleunigen).

Stimmt die Aussage „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“, neudeutsch übertragen in die Begriffe „Work“ und „Life“? Sind Arbeit und Leben (und damit ist wahrscheinlich Freizeit gemeint) Gegenspieler? Bei manchen Jobs wird es so sein. Aber trifft diese Aussage auch auf Menschen zu, denen ihr Job grundsätzlich Spaß macht? Oder auf Menschen, die einen scheinbar wenig erfüllenden, monotonen Beruf gerne machen, weil ihnen beispielsweise der menschliche Faktor viel bedeutet?

„Ich zweifle diese Work-Life-Balance-Idee an“, sagte jüngst Ann-Kristin Achleitner. „Das würde bedeuten, dass die Arbeit nicht zum Leben gehört. Wenn man etwas aus Überzeugung macht und mit Leuten zusammenarbeitet, die man mag, gehört das natürlich zum Leben dazu.“ Ann-Kristin Achleitner gilt als eine der einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Sie sitzt in mehreren Aufsichtsräten, darunter dem  der Deutschen Börse. Vielleicht möchte der (glückliche) Workaholic mit der Aussage auch nur provozieren? Frei nach IKEA könnte man „Arbeitest du noch oder lebst du schon?“ hinzufügen.

Sie haben den Bahnhof verpasst!

Während ich für Sie schreibe, werde ich aus meinen Gedanken gerissen: Die freundliche Schweizer Kontrolleurin steht mit meiner Fahrkarte vor mir und macht mich darauf aufmerksam, dass ich für meinen Zug in die Westschweiz eigentlich in Olten hätte aussteigen müssen. Ich habe ihn verpasst! Oh nein, da habe ich wohl etwas zu erfolgreich „abgeschaltet“ und bin nun gewissermaßen vom pünktlichen Fahrplan „entschleunigt“! Und was nun? Ich bin komplett baff über die intensiven Bemühungen der Schweizer Bahn, mich doch noch pünktlich an mein Ziel bringen zu wollen; von Gelächter unterbrochen telefoniert die Kontrolleurin zunächst mit dem Zugführer, ob er bei der Verkehrsleitstelle einen Sonderhalt in Sursee für mich (für EINEN einzigen Passagier!) arrangieren könne, damit ich doch noch einen schnelleren Zug erwische. Aber das ist leider nicht möglich, weil sonst auch die anderen Passagiere ihre Anschlüsse verpassen würden. Verstehe ich natürlich. Ich strande schließlich in Luzern und alle von der Schweizerischen Bundesbahn (SBB) scheinen untröstlich, dass ich jetzt nur verspätet weiter komme. Gerührt über so viel Anteilnahme nehme ich es, wie es offenbar sein soll: Mein Meeting kann nach hinten gelegt werden und ich ergebe mich dem Flow dieses verregneten Montags, der mir anscheinend etwas sagen möchte.

Ich nutze die Zeit, um im Luzerner Bahnhofsrestaurant „tibits“ einen schönen Café crème zu trinken, meine E-Mails runterzuladen und in aller Ruhe ein paar Telefonate zu führen. Wenn ich mich umschaue, denke ich: Warum gibt es bei uns nicht solche schönen Bahnhofsrestaurants? Berlin hat am Hauptbahnhof immerhin ein sehr ansprechendes Vapiano – heißt übrigens übersetzt: Gehe langsam. Hier in Luzern ist alles fröhlich-modern, einladend, es gibt Tapeten, die Lebensfreude ausstrahlen, ein mit Leckerbissen bestücktes, noch dazu gesund aussehendes Buffet, geölte Holztische, schönes Licht, eine Kinderecke voller Bilderbücher und Spielzeug und Zeitungen für die Erwachsenen. Die gleiche einladende Erfahrung, die man auf Schweizer Autobahnraststätten häufig macht. Einfach schön und in der Summe bereichernd und eindeutig der Welt von „Life“ zuzuordnen. Gepaart mit Reisen bei einem maximalen Tempo von 120 km/h eine ganz andere Erfahrung als bei uns. Ist Reisen in Deutschland, zumindest auf der Autobahn, Arbeit? Möchten wir das gewissermaßen so schnell wie möglich „abarbeiten“, um an unserem eigenen Ziel „Freizeit“ so schnell wie möglich anzukommen? Anscheinend können wir das im Kopf komplett trennen. Reisen auf einer deutschen Autobahn macht alles andere als Spaß, um einmal eine andere Bedeutung von „Life“ ins Spiel zu bringen. Gewissermaßen eine spaßbefreite Angelegenheit. Wie und in welchem Zustand wir allerdings an unserem Ziel („Life“) ankommen, scheint uns irgendwie egal. Dafür sind wir bereit, unterwegs womöglich schnell und schlecht irgendetwas zu essen (Fast Food) und vollkommen gestresst vom „Arbeitsplatz“ Autobahn ins Haus zu wanken. Ja, hier scheint Dienst Dienst zu sein (Staus, Baustellen, Essen bei „Autohöfen“ – alles wenig schön) und zu Hause wartet dann der Schnaps (den man bei einigen Autofahrten voller gelebter Aggression dann womöglich wirklich braucht). Genau aus dem Grund bin ich seit zwei Jahren komplett auf die Bahn umgestiegen. BahnCard 100 heißt die Wunderkarte, die als vorläufiges Fazit das verspricht, womit die Bahn fürs Bahnfahren wirbt: „Diese Zeit gehört Dir.“ Raus aus dem Stress, rein in einen bequemen Sessel und die freie Zeit nutzen für Internet, Bücher, Zeitungen, dösen, Musik hören und manchmal sogar für nette Gespräche.

Endlich Zeit für mich!

Diese Erfahrung mache ich auch jetzt: Ich sitze im gemütlichen Zug von Luzern in die Westschweiz, fühle mich bereits nach einer Stunde vollkommen entschleunigt (ein ähnliches Gefühl stellt sich auch in Österreich bei mir immer ein, und wenn ich über die französische Grenze fahre) und schreibe meinen Artikel weiter. Mit einem Lächeln und bester Laune geht der Kontrolleur an mir vorbei, der mich auf dem Bahnsteig in Luzern bereits mit überschwänglicher Nettigkeit („der gestrandete Passagier aus Deutschland“) in Empfang genommen hat. Denn seine sympathische Kollegin hatte nicht darauf verzichtet, ihn anzurufen und ihm zu sagen, dass ich für diese nun von mir befahrene Strecke eigent-lich gar kein Ticket habe. Es wäre ihm eine Ehre, mich ohne Aufpreis mitzunehmen, und er hoffe, dass ich bei ihm in Ruhe arbeiten könne.

Wenn ich an den Umgang mit mir wie auch der Schweizer Kollegen untereinander denke, dann fällt es mir sehr schwer, mir eine Steigerung in Sachen Glück nach Feierabend vorzustellen. Alle Mitarbeiter der SBB haben soeben den Spruch „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“, aber auch alle Theorien über Work-Life-Balance konterkariert. Keiner von ihnen, obwohl wahrlich nicht in einem Hipster-Job-Umfeld tätig, scheint seine Arbeit nur hinter sich bringen zu wollen. „Ganz im Hier und Jetzt“ kommt mir in den Sinn. Erfüllung am Arbeitsplatz scheint viel mit der Einstellung dazu und der individuellen Ausgestaltung des Alltags zu tun zu haben. Und was viele Untersuchungen belegen: Ganz entscheidend für das Glück am Arbeitsplatz sind die menschlichen Erfahrungen. Sowohl im Team als auch mit den Kunden. Ganz klar, wer unter einem Tyrannen als Chef arbeitet oder von Mitarbeitern gemobbt wird, dem bleibt der Spaß an der Arbeit im Hals stecken. Dem bleibt nur der Rückzug oder im Idealfall die Kündigung, will er oder sie nicht langfristig ernsthaft erkranken.

Setzt Work-Life-Balance am falschen Ende an?

Menschen wollen wirken. Sie wollen etwas bewegen. Und sie wollen in der Regel auch arbeiten. Und damit ist nicht automatisch nur Erwerbsarbeit gemeint. Eine Frage können nur Sie selbst sich beantworten: Können Sie sich auf Dauer Chillen in der Hängematte vorstellen? Muße tut gut, ja. Als Pause. Nachhaltig euphorisch macht sie jedoch selten. Und natürlich ist es wichtig, einen Ausgleich zu schaffen. Neben dem Job auch noch andere – nämlich die wirklich erfüllenden – Tätigkeiten auszuüben: Zeit für die Familie, für Sport, Hobbys, Entspannung. Problematisch wird es nur, wenn das Thema sich zum „Ausgleichszwang“ entwickelt, wenn es eine Art Gegengewicht zur Arbeit geben muss, damit sich Lebensfreude überhaupt entfalten kann. So, wie es der Work-Life-Balance-Ansatz suggeriert. Nach dem Motto: „Endlich Freitag …“

„Monday is the new Friday“

Neulich kam mir in Berlin-Mitte ein Hipster mit einem T-Shirt entgegen, auf dem stand „Monday is the new Friday“. Ein bisschen extrem, dachte ich. Wahrscheinlich einer von denen, der bis spätabends im Office (vielleicht Co-Working-Space?) abhängt, Freunde nur auf Facebook hat, Partnerschaften für viel zu stressig hält und menschliche Emotionsausbrüche nur aus Netflix-Serien kennt.

Eine meiner Lieblingsserien, inzwischen auch schon rund zehn Jahre alt, ist „Dr. Psycho“ von und mit Christian Ulmen. Ulmen ist Dr. Psycho und soll bei einer völlig verkrachten Polizeiabteilung irgendwie harmonisierend wirken und darüber hinaus als Profiler zum Aufklärungserfolg beitragen. Ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, denn hier wird nur gestritten und alle sind permanent am Rande des Nervenzusammenbruchs. Was besonders lustig ist: Alle sind derartige Nervenwracks, dass auch die Freizeit nicht mehr helfen kann. Die Work-Life-Balance ist an einem Punkt angelangt, an dem es abends im Grunde nichts mehr auszugleichen gibt, es würde einer Herkules-Aufgabe gleichkommen. Entsprechend sieht die „Freizeitgestaltung“ der vier Protagonisten aus: dumpfes Abhängen vor der Glotze oder Alkohol. Manchmal wird ins Fitnessstudio gehetzt. Wenn es so weit gekommen ist, dann muss man sich wahrscheinlich ernsthafte Gedanken machen. Unter der Woche vielleicht noch teilweise nachvollziehbar (an manchen Abenden geht es nicht anders, kennen wir wahrscheinlich alle), aber wenn einem auf Dauer auch am Wochenende die Kraft oder Fantasie abhandenkommt, dann ist es fünf vor zwölf – oder häufig auch schon fünf nach zwölf.

Ist Arbeit eine Last?

„Es geht eben nicht darum, Arbeit bestmöglich auszugleichen. Es geht vielmehr darum, die Arbeit selbst als sinnhaft zu empfinden, sodass eine Scharte, die dann wieder auszumerzen wäre, gar nicht erst entsteht“, fordert Mark Poppenborg, Gründer des Netzwerkes intrinsify.me und Experte für zukunftsfähiges Arbeiten. Statt nach einer Work-Life-Balance zu streben, sollten wir also versuchen, „Arbeiten“ als Teil von „Leben“ zu gestalten – ein Plädoyer, für etwas mehr „Schnaps“ im „Dienst“, wenn Sie so wollen.

Tipps für ein besseres Arbeitsklima

  • Menschliche Beziehungen pflegen (z. B. durch Gespräche, Unternehmungen auch nach Dienstschluss)
  • Gemeinsame Rituale, um Identifikation und Motivation zu fördern
  • Sich einbringen bzw. wertschätzende Atmosphäre dafür schaffen
  • Missstände direkt ansprechen
  • Betriebssport, z. B. Training für Firmenlauf, gemeinsame Yogastunde
  • Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren regt schon vor Arbeitsbeginn die Produktion von Glückshormonen an
  • Bürohunde verbessern die Arbeitsmoral, tägliches Gassigehen macht Tier und Mitarbeiter fit und wach
  • Mittagspause für einen Spaziergang nutzen oder einfach zwischendurch für wenige Minuten abschalten und „gar nichts machen“ – auf jeden Fall nicht über den Job sprechen
  • Fenster öffnen und Sauerstoff reinlassen: Frische Luft belebt und steigert die Laune
  • Schreibtisch oder Aufenthaltsraum schön gestalten (Pflanzen, Bilder etc.)
  • To-do-Liste machen und einzelne Punkte abhaken: So wird Stress vermieden
  • Frisches Obst, gesundes Essen, guter Kaffee und Tee
  • Feierabend ist Feierabend – keine Arbeit mit nach Hause nehmen

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