Leben mit einer Sehbehinderung

Finger eines Sehbehinderten erfĂĽhlen die Braille-Schrift.

Wie orientieren sich Menschen, deren Sehsinn stark eingeschränkt oder nicht mehr vorhanden ist? Welche neuen Möglichkeiten bieten technische Innovationen, wie kann künstliche Intelligenz das Leben blinder Menschen erleichtern und ihnen einen Zugang in die Welt der Sehenden verschaffen? Insbesondere auch in die digitale Welt, die inzwischen eine gleichberechtigte Bedeutung für unser Leben und unsere Kommunikation hat? 

Freiheit ist eines unserer höchsten Güter. Frei darin zu sein, wie wir leben wollen, wohin wir gehen und was wir tun wollen. Wir wollen aus eigenem Willen, aus eigener Kraft entscheiden und handeln. Wir wollen selbstbestimmt sein. Schränkt uns eine Behinderung ein, beginnen wir uns zu Recht zu wehren und streben weiterhin das größtmögliche Maß an Selbstständigkeit an.
Ein Grund, weshalb der Mensch schon immer erfinderisch war, um eine Behinderung auszugleichen und größtmögliche Selbstbestimmung wiederzuerlangen. Bereits im 15. Jahrhundert werden Blindenhunde erstmals erwähnt. Den ersten systematisch ausgebildeten Blindenhund übergab der Deutsche Verein für Sanitätshunde 1916. 15 Jahre später erfand Guilly d’Herbemont den Blindenstock, den sogenannten weißen Langstock. Vor 50 Jahren wurde die erste Blindenampel in Marburg aufgestellt, die Blinden mit einem akustischen Signal das Grün anzeigt. Auch neue Techniken der Orientierung wurden entwickelt, wie die Klicksonar-Technik: Blinde finden über das Echo ihres Zungenschnalzens Anhaltspunkte in ihrer Umgebung und können sich so orientieren, sogar Rad fahren oder Basketball spielen. Die aktive bildgebende Echoortung erinnert an die Orientierung von Fledermäusen und ermöglicht es blinden Menschen, aktiver und unabhängiger zu leben. Wie beim Sehenden entsteht mittels der Klicksonar-Technik im visuellen Cortex des Gehirns ein dreidimensionales Bild der Umgebung. Es reicht bis zu 200 Meter weit. Entwickelt hat diese Technik Daniel Kish, geboren 1966, der sein Augenlicht bereits als Kleinkind verloren hat. Als Kind begann er, sich intuitiv mit Schnalzgeräuschen zu orientieren. Kish hat die Technik in den USA populär gemacht und seit 1991 Blinde in der Echoortung trainiert. In Deutschland wird die Technik seit 2011 über den Verein Anderes Sehen e. V. gelehrt.

Lesen heiĂźt Teilhabe

Räumliche Orientierung ist eine existenzielle Notwendigkeit. Lesen zu können bedeutet noch mehr – denn die Bedeutung geschriebener Informationen geht weit über die bloße Orientierung hinaus. Schrift ist ein Weg der Kommunikation, wer sie nicht lesen kann, ist ausgeschlossen. Von Mails, von Warnschildern, von Beipackzetteln, von Waschanleitungen, von der Zeitung, von Literatur. Mit der Brailleschrift, der Blindenschrift, die 1825 von Louis Braille entwickelt wurde, gelang ein kleiner Schritt in die Schriftwelt. Aber längst nicht alles wird übersetzt. Wer die Neuerscheinungen zeitgenössischer Literatur lesen wollte, musste warten. Zumindest half der 1986 in der Schweiz entwickelte Sprachcomputer Hektor. Er konnte mit Nutzern interagieren, die keine Schriftsprache beherrschten.
Die Digitalisierung und künstliche Intelligenz haben unser heutiges Leben revolutioniert – gilt dies auch für Menschen mit Behinderungen?

Technische Hilfsmittel fĂĽr mehr Selbstbestimmung

Simon Janatzek berät in seinem „Büro für barrierefreie Bildung“ sehbehinderte und blinde Menschen dabei, welche technischen Hilfsmittel ihren Alltag erleichtern können. Die Nachfrage ist sehr hoch und unabhängig vom Alter. Er ist selbst blind und kann daher sehr gut beurteilen, welche Hilfsmittel geeignet sind, welche Vorteile und Nachteile sie bieten. Da gibt es zum Beispiel die Navi-App BlindSquare: Sie lässt sich durch Schütteln aktivieren und lotst per Sprache zum eingesprochenen Ziel. Sie funktioniert genau wie ein Navigationssystem für Sehende, zum Beispiel könnte sie sagen „eine Parkbank befindet sich in 240 Metern auf neun Uhr“, um auf Hindernisse aufmerksam zu machen. Janatzek ist jedoch nicht begeistert: Die Ansage ist gelegentlich etwas zeitverzögert und das kann gefährlich werden.
Eine weitere App, die einen Kinobesuch endlich auch für Blinde möglich macht, heißt Greta. Sie macht Leinwandinhalte mit Audiodeskription erlebbar. Diese beschreibt in knappen Worten wichtige Elemente der Handlung, Gestik, Mimik und der dramaturgisch relevanten Umgebung. Die Bildbeschreibungen werden in den Dialogpausen eingesprochen. Die App berichtet über aktuelle Filmstarts, zu den Filmen kann man sich die passende Tonspur herunterladen. Im Kinosaal werden nur noch Smartphone und Kopfhörer benötigt, um der Bildbeschreibung von Greta zu lauschen.
Der Einkaufsfuchs hilft – der Name verrät es schon – beim Einkaufen. Nicht alle Produkte lassen sich durch Ertasten erkennen. Selbst wenn sich beispielsweise die Form ertasten lässt, sagt dies ja noch nichts über den Inhalt aus – in einer 400-Gramm-Dose können sowohl Tomaten als auch Kidneybohnen sein. In solchen Situationen hilft das handliche Kästchen; es wertet den Strichcode aus und kann so das Produkt erkennen und benennen. Insgesamt sind über 15 Millionen verschiedene Artikel enthalten, vorwiegend Lebensmittel, Haushaltsbedarf und Musik-CDs. Der Nachteil: Die Suche nach den benötigten Produkten kann lange dauern, wenn mehrere Artikel gescannt werden müssen, bis das Richtige gefunden ist. Beim Einkaufen, aber auch beim Anziehen, hilft der Color-Star. Das Gerät erkennt bis zu 1 000 Farbnuancen und sagt diese an, verschiedene Tonfolgen bezeichnen unterschiedliche Muster und Kontraste.
Farbenblinden Menschen hilft die App Color Binoculars, Rot und Grün zu erkennen – sie greift dabei auf die Handykamera zurück und stellt das aufgenommene Bild mit verfälschten Farben dar. Farbkontraste, die für Farbenblinde schwer voneinander zu unterscheiden sind, werden so hervorgehoben. Man kann zwischen der Hervorhebung des Rot-Grün-Kontrastes oder des Blau-Gelb-Kontrastes wählen.

High-Tech im Dienste des Menschen

Begeisterung hat vor Kurzem die Erfindung der OrCam MyEye hervorgerufen. Sie vereint viele der bereits beschriebenen einzelnen Hilfen in sich und bietet darüber hinaus noch mehr Funktionen. Sie ist sozusagen ein persönlicher Assistent, der Blinden jede Art von Text einfach per Fingerzeig vorliest und inzwischen auch Gesichter erkennen kann. Die unauffällige kleine Kamera wird am Brillenbügel befestigt und kann somit problemlos überall mitgenommen werden. Ob Bücher oder Zeitschriften, Speisekarten, Straßenschilder, Packungsaufschriften oder Inhaltsstoffe, einfach mit dem Finger auf den Text deuten und mit der OrCam wird jeder Text zugänglich. Sie übersetzt schnell, einfach und zuverlässig Schrift für Blinde, mit ihr können Blinde lesen. Die Technologie funktioniert offline und in Echtzeit. Erst kürzlich fiel die Entscheidung, dass die OrCam zu 100 Prozent von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland erstattet wird. Ein wichtiger Schritt, der Blinden ein großes Stück selbstbestimmten Lebens schenkt. gs //

Exklusiv-Interview mit Ziv Aviram (Co-Gründer, Präsident und CEO von OrCam Technologies in Jerusalem):

Herr Aviram, wie wichtig ist Menschen ihre Unabhängigkeit im Alltag?

Wir haben mit Hunderten von Menschen gesprochen, die nicht korrigierbare Sehprobleme haben. Daraus haben wir gelernt: Für Menschen, die ihr Augenlicht verlieren, ist nicht die eigene Unabhängigkeit das höchste Gut. Mehr als 90 Prozent der Befragten sagten: Lesen ist für uns das Wichtigste. Stellen Sie sich vor, Sie könnten keine SMS auf Ihrem Smartphone lesen, keinen Computer, keine Zeitungen und Bücher nutzen, hätten Produkte in der Hand, von denen Sie nicht wüssten, wofür sie da sind – ohne Lesen geht einfach nichts! Menschen, für die Lesen selbstverständlich ist, können sich nur schwer in diese Situation hineinversetzen.

Wie kamen Sie auf die Idee, mit Ihrem Partner Professor Amnon Shashua OrCam zu gründen und OrCam MyEye zu entwickeln, ein Gerät, mit dem Sehbehinderte und Blinde wieder eigenständig lesen können?

OrCam ist schon unsere zweite Firma. 1999 hatten Amnon Shashua und ich bereits Mobileye gegründet. Ein Unternehmen, das Sensoren und Kameras für das führende Kollisionsverhütungssystem von autonom fahrenden Autos herstellt. Um 2010 herum waren wir der Meinung, dass die Technologie reif genug war für Produkte, die den Menschen direkt helfen können. Wir dachten: Lasst uns eine Technologie entwickeln, die sehbehinderten und blinden Menschen hilft. Herausgekommen ist OrCam MyEye.

Wie genau funktioniert OrCam MyEye?

Im Grunde ist OrCam MyEye ein nur fingergroßes Gerät mit einer kleinen Kamera und einem Dechiffrierungscomputer. Sie stecken das Leichtgewicht an die Seite Ihrer Brille und haben die Hände frei. Mit dem Finger zeigen Sie nun beispielsweise auf eine Buch- oder Zeitungsseite. Sofort beginnt OrCam MyEye dann, Ihnen den Text vorzulesen. Eine Geste mit dem Handgelenk, und das Gerät gibt die Uhrzeit durch. OrCam MyEye erkennt Farben, Straßenschilder, sogar Produkte beim Einkaufen, weil es die Barcodes identifizieren und vorlesen kann, um welches Produkt es sich handelt. Es kann Geldscheine und Kreditkarten auslesen. Und es verfügt über eine Gesichtserkennung. Ich würde Sie jetzt beispielsweise einmal scannen und als Person in meinem Device anlegen. Beim nächsten Mal, wenn Sie hereinkommen, würde mir das Gerät Ihren Namen sagen. Das Gerät speichert aber keine Fotos, stattdessen werden nur Merkmale des Gesichts in eine Zahlenreihe umgerechnet und gespeichert. OrCam MyEye kommt ohne Cloud und ohne Internet aus, es arbeitet offline und in Echtzeit! Alle Informationen bleiben in diesem kleinen Gerät, so vermeiden wir Datenschutzprobleme. Das ist ein wesentlicher Vorteil, denn wir halten Datenschutz für sehr relevant.

FĂĽr wie viele Menschen ist Ihre Erfindung relevant?

Weltweit sind über 350 Millionen Menschen mit nicht korrigierbaren Sehschwächen registriert, die Dunkelziffer ist erfahrungsgemäß etwa dreimal so hoch. Für alle diese Menschen stellt die Nutzung von OrCam MyEye einen riesigen Schritt in Richtung Selbstbestimmtheit dar und verbessert die Lebensqualität. Denken Sie allein daran, dass es möglich wäre, abends wieder einmal alleine ein Buch oder Magazin zu lesen. Gar nicht zu reden von E-Mails und dem Internet allgemein. Sie müssen das einfach mal live erleben, wenn jemand wieder lesen kann. Das ist sehr emotional! Wir freuen uns daher sehr, dass beispielsweise die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland die Anschaffungskosten von OrCam MyEye zu 100 Prozent übernehmen. mf //

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