Fitness, der richtige Sport für Pfundige

Auch für Mollige gibt es spezielle Übungen. Wir stellen Ihnen Menschen vor, die in XXL-Gruppen den Weg zum Sport gefunden haben.

Der Aufruf im Kölner Stadtanzeiger schien auf mich abzuzielen“, berichtet der 54-jährige Peter Weinmann. Gesucht wurden Männer zwischen 50 und 60 Jahren mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 27. Mit seinen 107 Kilo passte er gut in das gesuchte Raster.

Weinmann ist Teilnehmer einer Studie, die Diplom-Sportwissenschaftler Billy Sperlich von der Sporthochschule Köln und seine Studenten durchführten. „Wir wissen, dass Männer ab 50 seltener Sportangebote wahrnehmen“, erklärt Sperlich. „Dabei nutzt Bewegung der Gesundheit – selbst dann, wenn die Betreffenden nicht einmal abnehmen.“ Um diese These zu belegen, suchte das Team männliche Probanden, die es entweder in einer Lauf- oder in einer Radsportgruppe sechs Monate lang betreute.

Abnehmen allein zählt nicht
Die zeitliche Verpflichtung, die Weinmann dabei einging, war enorm: Dreimal in der Woche wollte er sich mit Gleichgesinnten auf das Fahrrad schwingen – jeweils dienstags und donnerstags nach der Arbeit sowie am Samstag. Ob er diese Herausforderung durchhalten würde? Früher war sein Elan stets rasch verpufft.

Reimund Hoffmann, 59, heute 90 Kilo schwer, kannte das Problem, bei der Stange zu bleiben, gut. Sein Argument: Hab keine Zeit. „Heute weiß ich, dass dieser Vorwand nicht gilt. Bei jedem Wind und Wetter fuhren wir Ungeübte zunächst sieben bis 15 Kilometer, später bis zu 50.“

Trotz gleich bleibender Essgewohnheiten nahm Hoffmann allein durch das Training rund acht Kilogramm ab und fühlt sich heute deutlich fitter. Vielleicht hängt das auch mit seinen verbesserten Cholesterinwerten und seiner gesteigerten Leistungsfähigkeit zusammen. Inzwischen hat er sich sogar ein neues Crossrad angeschafft: „Für mich war das Mitmachen bei dieser Studie die Initialzündung, um zum Sport zurückzufinden.“

Christian Klein, 55, ging es nicht viel anders. Auch er nahm spontan die Herausforderung an. „600 Interessierte meldeten sich, 60 durften mitmachen“, erklärt Silvio Wehner, Trainer der Radfahrgruppe.

Zuerst zum Arzt
Alle Teilnehmer wurden eingangs intensiv ärztlich untersucht – und später in bestimmten Abständen immer wieder. So konnten die Wissenschaftler prüfen, wie weit sich durch sportliche Aktivität beispielsweise der Cholesterinspiegel und die Leistungsfähigkeit verändert, der Bauchumfang und der Anteil an Fett- und Muskelmasse zu- oder abnimmt.

Wichtig: Langsam starten
Gleich zu Beginn passierte das, was für viele Neueinsteiger typisch ist: „Sie überlasteten sich und wollten an ihre Leistungen der Jugendjahre anknüpfen“, vermutet Experte Wehner. Nach dem Motto: Nur wer nach einem Training geschafft ist und unter Muskelkater leidet, hat wirklich etwas für seinen Körper getan.

„Doch das ist grundfalsch. Unsere Aufgabe bestand deshalb anfangs darin, ständig die Teilnehmer zu bremsen“, sagt Wehner. Die Männer wunderten sich dagegen, dass so ein bisschen Fahren etwas bewirken sollte. „Heute sehe ich das anders: Ich fühlte mich nach dem Training immer wohl und bekam kein einziges Mal Muskelkater“, betont Weinmann. Den Mitstreitern ging es ähnlich.

Bessere Werte für mehr Gesundheit
Trotz des gemächlichen Tempos steigerten die Radfahrer ihre Leistung um ein Drittel, das gute Cholesterin nahm zu, das schlechte ab, und das Gewicht sank im Durchschnitt um drei Kilogramm. Peter Weinmann verlor beispielsweise sieben Kilo, Christian Klein jedoch kein einziges Gramm. Allerdings veränderte sich Kleins Körper deutlich: Sein Po wurde strammer, sein Bauch kleiner, und seine tägliche Tablette gegen Bluthochdruck konnte er schon bald nach Rücksprache mit dem Arzt halbieren.

„Insgesamt zeigte sich aber, dass Übergewichtige bei dieser Art von Training deutlich an Körperfett verlieren, jedoch nichts an Muskelmasse hinzugewinnen. Da wäre ein extra Krafttraining nötig“, zieht der Studienleiter Billy Sperlich sein Fazit.

Und dann kommt die Motivation von selbst
Weil das Fahren in der Gruppe Spaß machte und die Schicksalsgemeinschaft freundschaftlich zusammenschweißte, treffen sich Klein, Hoffmann und Weinmann auch heute noch zu Radtouren. „Wäre ich damals nicht in die Studie gekommen, würde ich nach wie vor keinen regelmäßigen Sport treiben. Dabei kribbelt es heute sofort im ganzen Körper, wenn das Wetter etwas Sonne verheißt“, sagt Hoffmann. „Und dann will ich nur noch aufs Fahrrad.“

Mollige brauchen Spezialsport
Mehr als die Hälfte aller über 25-jährigen Deutschen haben Übergewicht. Trotzdem ist Sport für Pfundige rar. Susi Wittmann, Sportökonomin und Gesundheitsberaterin beim Sportamt München, kam deshalb ins Grübeln und auf die Idee, mehrere Elemente zu kombinieren, damit Sport auch Molligen wieder Spaß macht.

Den Körper biegsam und sportlich erleben
Entstanden sind Angebote aus Bewegung, verbunden mit Meditation, und Übungen zur Körperwahrnehmung, verknüpft mit Ernährungsberatung. Das alles bietet sie seit September vergangenen Jahres in offenen Gruppen an verschiedenen Abenden an. „Es war gar nicht so einfach, die Kollegen von meinem neuen Konzept zu überzeugen“, sagt Wittmann. Das ist jetzt anders: Das Pilotprojekt läuft mit großem Erfolg und hat bereits erste Nachahmer gefunden.

Martina Mandl ist eine, die von Anfang an mitmacht: „Im Fitness-Studio hab ich es nicht durchgehalten. Lauter schöne schlanke Körper turnten da herum. Und ich mit meinen Proportionen mittendrin. Das hielt ich nicht aus. Ganz schnell verließ mich der Mut unter diesen Schlanken und Schönen“, erzählt die übergewichtige 33-Jährige.

Spaß ohne Konkurrenzdruck
Den Fitness-Tempel tauschte die Bürokauffrau bald gegen eine gewöhnliche Turnhalle mit kaltem Deckenlicht ein. Dafür stimmten jetzt aber die Zusammensetzung und die Chemie in der Gruppe: Renate Schlosser, Marion Humer und Gerda Michel sind nur einige der Frauen, mit denen sich Martina Mandl spürbar wohler fühlt. Dienstagabends treffen sie sich zum XXL-Sport für Übergewichtige – Männer sind dort gerne gesehen, bleiben jedoch eher die Ausnahme.

„Arme nach vorne strecken, kreisen und lockern. Auf der Stelle gehen!“ Die Anweisungen des diplomierten Entspannungstrainers Hans-Peter Lojdl übertönen die fetzigen Techno-Rhythmen. „Jetzt langlaufen – und wer aus der Puste kommt, setzt aus und steigt später wieder ein“, so Lojdl weiter, während er vorturnt.

Der Trainer weiß, was er seinen Teilnehmerinnen zumuten kann, und hat deshalb ein spezielles Programm für sie ausgearbeitet, „das den ganzen Körper bewegt und das Wohlgefühl steigert, weil wir auch Entspannungsvarianten einüben“.

Die Frauen im Alter von 29 bis 62 machen alle begeistert mit. Marion Humer vergleicht den Abend mit einer Energiespritze: „Danach fühle ich mich vital und fit – und das ohne Muskelkater.“

Nur meine Wünsche zählen
Wenn Thomas Biehler (Name geändert) mit dem Training beginnt, dunkelt es bereits. Darüber ist der 43-jährige Computerfachmann aus Olching froh, weil ihm beim Laufen mit seiner Trainerin Susan Burger im Münchner Westpark dann nur noch vereinzelt Spaziergänger und Jogger begegnen. Die Blicke anderer auszuhalten, wenn sich sein massiger Körper unbeholfen bewegt, fällt ihm schwer.

In der Diäten-Falle
Der heute 114 Kilo kräftige Mann hatte in der Vergangenheit schon viel versucht, um sein Gewicht in den Griff zu bekommen. „Doch irgendwann wollte ich gar nichts mehr dagegen unternehmen und resignierte frustriert.“ Damals wog er 127 Kilo. Enttäuscht stellte er fest, dass „diese zwanghafte Disziplin beim Abnehmen auf Dauer nicht funktioniert, sondern sich ins Gegenteil verkehrt – dem Abnehmen folgte noch mehr Gewicht.“

Sich selbst etwas gönnen – ohne zu futtern – wollte er dennoch. Über das Internet fand er die Heilpraktikerin und Trainerin Susan Burger, die ihn dabei unterstützen sollte. Die Laufexpertin kennt das Problem. „Übergewicht ist eine vielschichtige Angelegenheit. Die Betroffenen haben meist schon alle Diäten ausprobiert. Deshalb versuche ich, meine Klienten von der Bewegung her zu erreichen“, erklärt Burger.

Mit der körperlichen Wendigkeit kommt auch etwas im Bewusstsein in Schwung, findet die sportliche Frau. Während der körperlichen Betätigung den Körper besser wahrzunehmen und auf seine Signale zu achten ist ihr besonders wichtig. Dabei beginnt sie äußerst behutsam und langsam. Die Therapeutin arbeitet auch eng mit Ärzten zusammen.

Natur und Bewegung mit allen Sinnen genießen
„Wie spüre ich mich, wie fühlt sich der Boden unter meinen Füßen an, wie empfinde ich die Luft, wie den Regen oder den Wind? Das sind Fragen, die ich mir beim schnellen Gehen früher nie gestellt habe“, beschreibt Biehler seine neuen Erfahrungen. Im Moment schätzt er es, dass sich sein Gegenüber nach ihm richtet, damit er herausfinden kann, was ihm wirklich gut tut.

„Nach jeder Stunde fühle ich mich großartig und merke, dass ich mich nicht allein durch das Schmecken, sondern auch über meine anderen Sinne nähren kann“, begeistert er sich. Und ganz nebenbei verliert Thomas Biehler Gewicht und fühlt sich mehr und mehr wohl in seiner Haut.

Tipp: Fragen Sie in Sportvereinen, Volkshochschulen und Fitness-Studios nach speziellen Kursen.

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