Beziehung, die Mathematik der Liebe

Je größer die Intimität, desto glücklicher die Beziehung? Psychologen wissen, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Im Gegenteil: Nur die richtige Portion Distanz kann Paare auf Dauer zusammenhalten.

Endlich das große Geheimnis der Vertrautheit zwischen Mann und Frau lüften – nichts Geringeres wollte der US-amerikanische Paarforscher John Gottman erreichen, als er über viele Monate hinweg freiwillige und nach eigener Aussage glückliche Paare in seinem Labor bei Alltagsszenen filmte. Als er dann die ersten Videoaufnahmen seines Experimentes anschaute, konnte er vermutlich ein Gähnen nicht unter drücken. Statt leidenschaftlicher Liebesschwüre oder philosophischer Betrachtungen über das Universum bekam er nur allzu Banales zu sehen und zu hören. Paare beim Kaffeetrinken und Diskutieren der Baseballergebnisse. Beim Pfannkuchenwenden und Zeitunglesen. Bei Grübeleien über den Hypothekenzins und Gesprächen über diverse Familienmitglieder. Stinklangweilig das Ganze … Dachte Gottman jedenfalls am Anfang. Bis ihm plötzlich klar wurde, dass er irrtümlich ein spektakuläres Ergebnis erwartet hatte, obwohl die Lösung so einfach war. Seine Studien belegten nämlich, dass es eben nicht darauf ankommt, dem geliebten Menschen 24 Stunden am Tag sein Innerstes zu offenbaren, permanent über geheime Sehnsüchte, Träume und Ängste zu sprechen. Viel entscheidender ist es stattdessen, sich auch bei alltäglichen Angelegenheiten Aufmerksamkeit und Mitgefühl entgegenzubringen, um ein Gefühl von gegenseitiger Verbundenheit zu schaffen.

Der Traum vom Wir-Gefühl

Das Ideal einer Beziehung, in der man sich dem anderen vollkommen hingibt – eine romantische Utopie? Zumindest zu einem großen Teil. Tom Levold, Paartherapeut aus Köln, weiß, dass die Ansprüche, die moderne Liebende an eine Partnerschaft stellen, enorm gestiegen sind und sich immer schwerer erfüllen lassen: „Vor 100 Jahren ging es noch darum, als Paar sozialen Rollen und Erwartungen zu entsprechen, Kinder in die Welt zu setzen und sie gemeinsam großzuziehen. Heute wollen sich die Partner vor allem emotional nahe sein.“ Das macht Beziehungen zwar intensiver, aber nicht unbedingt einfacher. Denn die Sehnsucht, innerlich verbunden zu sein, birgt auch das Risiko, enttäuscht und frustriert zu werden. „Viele Paare leiden darunter, dass ihre Beziehung nicht eine Folge permanenter Glücksmomente ist“, so die Erfahrung des Therapeuten. „Sie wollen oft nicht akzeptieren, dass das Gefühl, alles von sich preisgeben zu dürfen und genau so angenommen zu werden, wie man ist, immer an Situationen gebunden ist. Man kann es nicht langfristig erhalten wie ein Möbelstück.“ Intimität als Dauerzustand: Das wird immer eine unstillbare Sehnsucht bleiben.

Sex ist nicht gleich Intimität

Und doch wünschen wir uns nichts mehr, als dem geliebten Menschen so nahe wie nur möglich zu sein. Besonders, wenn wir frisch verliebt sind, können wir uns nichts Schöneres vorstellen als den ganzen Tag gemeinsam im Bett zu verbringen. Wir können stundenlang Händchen halten, uns bei jeder Gelegenheit küssen. Und sobald wir auch nur kurz von unserem Schatz getrennt sind, überkommt uns die Sehnsucht. Diese intimen Momente sind oft mit einer guten Portion Heimlichkeit oder Nervenkitzel gewürzt. Sie vermitteln ein „Wir gegen den Rest der Welt“-Gefühl und entführen die Liebenden an exklusive Orte, zu denen andere keinen Zutritt haben. Doch was sich im Hormonchaos wie tiefste Verbundenheit anfühlen kann, bedeutet noch lange nicht, dass sich zwei Menschen einander wirklich annähern. „Man kann eine sexuelle Beziehung führen, ohne emotional auf den anderen einzugehen“, sagt Tom Levold. Sex und Intimität lassen sich nicht gleichsetzen. Und wer auf rein körperlicher Ebene einen Seelenverwandten sucht, wird zwangsläufig enttäuscht. Denn Lust und Leidenschaft haben nun mal die unangenehme Eigenschaft, sich nach einiger Zeit zu verflüchtigen.

Tiefer und fester wird eine Beziehung erst, wenn sich die Partner auf ganz unterschiedlichen Ebenen nahekommen: im intellektuellen Bereich, über religiöse Anschauungen oder auch, indem man einen gemeinsamen Geschmack, etwa bei der Wohnungseinrichtung, entwickelt. Diese Vertrautheit, die auch außerhalb des Schlafzimmers stattfindet, wächst nur langsam im Lauf der Beziehung – wenn das Herzklopfen allmählich abgeklungen ist und man sich immer häufiger im ruhigen Fahrwasser des Alltags begegnet. So groß der Wunsch nach einer möglichst innigen Partnerschaft bei den meisten Menschen sein mag, er bringt auch Gefahren mit sich. „Intimität fühlt sich nicht in jedem Fall wohlig an. Wer sehr viel von seinem Inneren preisgibt, macht sich verletzlich und angreifbar“, erklärt Tom Levold. Wenn wir verborgene Gefühle, Bedürfnisse und Sehnsüchte offenbaren, wissen wir vorher nicht, wie der andere reagieren wird.

Mehr Nähe durch Abstand

Selbst wenn beide offenherzig über ihre Gefühle sprechen, sollten sie sich vorsichtig herantasten. Denn die Formel „Intimität ist gleich schonungslose Offenheit plus Dauer-Beisammensein“ geht nicht auf. Oft ist es genau umgekehrt: Der amerikanische Sexualpsychologe Dr. David Schnarch fand beispielsweise heraus, dass unzufriedene Paare oft zu sehr aneinander klammern und ihr eigenes Handeln vom anderen abhängig machen. Der Sexforscher plädiert daher für mehr Eigenständigkeit der Partner. Denn so bleiben wir auch auf Dauer füreinander attraktiv. Schnarchs These: Wenn kein Raum mehr für Phantasie und Spannung bleibt, wird es irgendwann langweilig. „Mehr Nähe ergibt mehr Liebesglück“ – auch diese Rechnung stimmt nicht. Wir brauchen unsere kleinen intimen Rückzugsorte. „Es wäre gar nicht auszuhalten, wenn wir immer nur in inniger Zweisamkeit leben würden“, meint Tom Levold. Im Gegenteil, es stärkt die Beziehung, wenn wir eigene Interessen, Hobbys, Freundschaften und die Karriere weiter pflegen und nicht zugunsten eines diffusen Wir-Gefühls opfern.

Ein Paar, zwei Individuen

Kleine Geheimnisse tun einer Partnerschaft durchaus gut. Sie muss ihm nicht erzählen, was sie genau mit der besten Freundin am Abend in der Bar zu bereden hatte. Dafür darf er für sich behalten, dass die hübsche Kellnerin in seinem Lieblingsbistro um die Ecke ihm ab und zu den Latte Macchiato gratis serviert und ihm dabei verstohlen zuzwinkert. Es ist kein böswilliges Verschweigen, kein Verheimlichen. Aber es tut einfach gut, etwas ganz für sich zu behalten. Denn jeder von uns ist ein Mensch mit einer eigenen, besonderen Geschichte und nicht nur Teil eines Paares.

Einmaleins des Glücks

Grenzen setzen, ohne den anderen auszuschließen, Nähe zulassen, ohne zu klammern: So gelingt der Balance-Akt.

Er liebt Mountainbike-Touren am Wochenende, während sie gerne durch Museen schlendert – auch gut. Man muss nicht alle Interessen teilen! Ab und zu darf auch jeder etwas für sich unternehmen. Hobbys aufgeben oder aneinander angleichen ist oft alles andere als ein Liebesbeweis, weil vielleicht beide mit dem Kompromiss nicht mehr glücklich sind, und die Beziehung leidet.

Paarzeiten reservieren und Aktivitäten planen, die beiden Spaß machen – das ist besonders für junge Eltern wichtig. Über Windelnwechseln, Geldsorgen und Haushaltsstress verlieren sie oft ihre Liebesbeziehung aus den Augen. Ein Wochenendausflug, ein Kinobesuch am Abend oder einfach nur ein Spaziergang Hand in Hand, während ein Babysitter ein Stündchen nach dem Kleinen schaut – das hält die Gefühle wach.

Interesse an dem zeigen, was den Partner bewegt, und immer wieder ganz bewusst die emotionale Nähe des anderen suchen: So trotzt man als Paar auf Dauer den Widrigkeiten des Familienalltags.

Baby und Familie

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