Analoges Selftracking: Sammler der Erinnerungen

Tagebuch schreiben

Einmal innehalten, alles sacken lassen, aufschreiben. Erlebnisse, Träume, Ängste schriftlich festzuhalten tut gut. Und Erinnerungen eines Lebens können anderen eine Freude machen. Greifen Sie mal wieder zu Stift und Papier!

Armbänder zeichnen auf, wie viele Kilometer wir zurücklegen, ob wir nicht zu viel und das Richtige essen, genug trinken und ausreichend schlafen. Wenn wir sündigen, schlagen die allwissenden Bänder Alarm. Dann laufen wir eine Extrarunde Abbitte. Gesundheit, so singt Sophie Hunger in „Das Neue“, sei ein neuer Exorzismus. Auf dem Weg zum optimalen Selbst versprechen die Daten des digitalen Selftracking Selbsterkenntnis und eine Standortbestimmung. Doch was sollen wir über uns wissen, wenn wir den Wert unserer Pulsfrequenz kennen, nicht aber die Werte, die unser Herz höher schlagen lassen?

Früher wusste unser liebes Tagebuch über unser Herz Bescheid. Das Leben war ereignisreich, Woche um Woche gab es eine neue große Liebe und unerbittliche Kriege mit der 5a wurden ausgefochten, Tragödien brauten sich zusammen und ewige Freundschaften wurden beschworen. Die Eltern fingen aus dem Nichts an, peinlich zu werden – man weiß genau, an welchem Tag, schließlich ist alles dokumentiert. Wer Tagebuch geführt hat, wird später mit einem klaren Blick in die Vergangenheit belohnt. Manchmal wird der Blick bereits in der Gegenwart und während des Schreibens klar: Die Gedanken ordnen sich im Dialog mit dem Papier.

Ein Dialog mit uns selbst – wie Schreiben wirkt

Der schriftlichen Auseinandersetzung mit emotional belastenden Themen wird gar eine heilende Wirkung zugeschrieben. Beim sogenannten expressiven Schreiben soll an drei bis fünf aufeinanderfolgenden Tagen je 15 bis 20 Minuten über das Erlebnis oder Problem geschrieben werden, am besten erzählerisch und neutral, also nicht aus der Ich-Perspektive. Jedoch nicht unmittelbar nach dem Ereignis, besser ist es, mindestens zwei Monate zu warten. Der Psychologe James Pennebaker von der University of Texas hat in einem Test mit 50 Probanden in den Achtzigerjahren herausfinden können, wie sich das expressive Schreiben auf den Menschen auswirkt: Es fördert die Aktivität des Immunsystems, lindert depressive Symptome und hilft, wieder offener gegenüber der Umwelt zu sein. Eine Psychotherapie ersetzt das Schreiben jedoch nicht.

Den Rückblick teilen

Natürlich werden nicht nur dramatische Momente in Tagebüchern festgehalten. Vor allem der Prozess des Erwachsenwerdens findet sich in zahlreichen Einträgen, die inzwischen auch bei Diary Slams (in Anlehnung an Poetry Slams) öffentlich vorgelesen werden. Das Prinzip: Teilnehmer lesen vor einem Publikum fünf Minuten aus ihren Tagebüchern vor, die Zuhörer stimmen über den besten Beitrag ab. Das strengstens unter Verschluss gehaltene Tagebuch einem Publikum vorlesen zu müssen, das wäre früher wahr gewordener Albtraum gewesen. Heute mit dem Abstand der vielen Jahre hat sich das für manche geändert. Und eins ist sicher, die Tagebucheinträge sind gleichermaßen lustig und berührend. Wie zum Beispiel der von Svenja am 7. 12. 1996 im Alter von 16 Jahren verfasste: „Seit gestern bin ich mit Maik zusammen. Er hat gesagt, daß er mich liebt, und dann haben wir geknutscht. Nachher kommt er und dann werden wir sehen, wie es ist, wenn wir beide nüchtern sind.“

Weitere Perlen finden sich in dem Buch von Ella Carina Werner und Nadine Wedel: „Ich glaube, ich bin jetzt mit Nils zusammen: Das Beste aus wieder ausgegrabenen Jugend-Tagebüchern“, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2014.

Wenn Sie einen Diary Slam in Hamburg oder München besuchen möchten, finden Sie hier Infos: www.diaryslam.de, www.liebes-tagebuch.net

Entwicklung festhalten

Wem ein Tagebuch zu aufwendig ist, wer aber dennoch festhalten möchte, wie sich Gedanken und Haltungen entwickeln, für den eignet sich ein „Fragen und Antworten“-Buch. Die Idee: Das Buch enthält 365 unterschiedliche Fragen, alltägliche und ungewöhnliche, jeden Tag beantwortet man eine. Zum Beispiel: Was ist dein teuerstes Kleidungsstück? Wohin möchtest du als Nächstes reisen? Welche Obstsorte hast du zuletzt gegessen? Ist ein Jahr vergangen, startet man die nächste Runde. Auf jeder Seite ist Platz für fünf Antworten. Während fünf Jahre vergehen, kann man beobachten, wie sich die eigenen Antworten entwickeln.

Die Erinnerungsalben von Elma von Vliet gibt es z. B. für Mama, Papa, Oma, Opa oder den Partner. Verschenken Sie das Buch und erhalten es ausgefüllt zurück: Bestimmt erfahren Sie einiges, wonach Sie vergessen hätten zu fragen, und können so den Erinnerungsschatz bewahren.

Erinnerungen bewahren

Wer für andere Erinnerungen aufschreiben möchte, beginnt meist bei der Geburt der eigenen Kinder. Die Entwicklung der ersten Wochen und Monate vollzieht sich so rasant, dass die Gefahr, Erinnerungen zu verlieren, groß ist. Hier ein paar Tipps für das Befüllen der Baby-Tagebücher:

  • Wer regelmäßig schreibt, muss nicht viel nachtragen (und wer will schon gerne etwas nachtragen?).
  • Planen Sie den Eintrag in Ihren Tagesablauf ein, zum Beispiel morgens bei der ersten Tasse Tee oder wenn Ihr Baby Mittagsschlaf macht oder abends vor dem Schlafengehen.
  • Nehmen Sie sich nicht zu viel vor, drei Sätze pro Tag reichen, wie z. B.: Was haben wir gemacht? Was war heute anstrengend? Was besonders schön?
  • Sie können auch aus der Sicht Ihres Babys schreiben.
  • Auch ein Foto-Tagebuch ist eine tolle Erinnerung: Jeden Tag ein Foto schießen, und zwar nicht nur lächelnd, sondern auch mal schimpfend, mit vollgekleckertem Shirt, schlecht gelaunt …

 

Foto: wundervisuals

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