Sabbatical: Ausstieg auf Zeit

Auszeit vom Büro

Eine verlockende Vorstellung: Für ein paar Monate oder ein Jahr dem Job den Rücken kehren, die Welt bereisen oder ein persönliches Projekt verwirklichen. Wir haben mit Leuten gesprochen, die in einem Sabbatical den Alltagsstress hinter sich gelassen haben, und geben Tipps, wie eine solche Auszeit gelingt.

Jeder zweite Deutsche kann sich vorstellen, eine Auszeit vom Arbeitsleben zu nehmen und ein sogenanntes Sabbatical oder Sabbatjahr einzulegen, sagt eine Studie von 2016. Ursprünglich stand der Begriff in den USA für ein Forschungssemester von Professoren, heute bezeichnet es allgemein ein Modell für einen längeren Sonderurlaub.

Die Motivation

Frauke Petersen hat schon dreimal von einem Sabbatical profitiert. Vier Jahre arbeiten, dann ein Jahr Pause – so lautet das Modell der Grundschullehrerin. Immer wenn sie eine Klasse in die weiterführende Schule verabschiedet hatte, klinkte auch sie sich aus dem Lehrbetrieb aus. „Ich wollte Zeit haben für Dinge, die sonst auf der Strecke bleiben. Es ist so wichtig, das, was einem etwas bedeutet, nicht für irgendwann später aufzuschieben, sondern ins Leben zu integrieren.“

Endlich Zeit für sich selbst und die eigenen Interessen haben – das ist ein Beweggrund vieler Auszeitler. Wer das Gefühl hat, vor lauter Alltagshektik kurz vor dem Burnout zu stehen, kann so die Reißleine ziehen. Eine kreative Pause gibt auch später im Job wieder neue Kraft und Motivation. Nicht wenige Arbeitnehmer suchen dabei die räumliche Distanz: Sie wollen reisen, die Welt sehen, neue Sprachen lernen.

Die Aktivitäten

Auch für Claudia Ewerhardy stand das Reisen im Mittelpunkt ihrer Auszeiten. Die Ziele der Fotografin und ihres Mannes: Argentinien und zweimal Australien, jeweils für drei Monate, beim letzten Trip sogar mit zweijährigem Sohn. Die Familie war immer von Dezember bis März unterwegs: „In meinem Job sind die Monate nach Weihnachten sowieso Saure-Gurken-Zeit und so konnten wir der kalten Jahreszeit entfliehen.“ Entschleunigung war die Devise, gerade beim Reisen mit Kleinkind. „Uns ging es darum, Land und Leute kennenzulernen und mit der Natur zu leben. Ich habe unzählige Fotos von Landschaften und Tieren geschossen und mein Mann, der Reptilienexperte ist, hat vor Ort Warane erforscht.“

Ob Echsen beobachten, ein Buch schreiben, die Familie intensiv erleben oder den Garten umgestalten – ein Sabbatical ist oft die Zeit, um ganz persönliche Projekte zu realisieren. Manches davon ist lang geplant, anderes ergibt sich erst im Lauf der Auszeit, wie bei Frauke Petersen: „In meinem letzten Sabbatjahr habe ich mehrere Sportbootführerscheine erworben und an zwei Skipper-Trainingswochen teilgenommen. Das bereichert unser Leben inzwischen sehr, weil wir nun, wo immer wir es wollen, segeln können.“

Nicht nur für die Segelprüfung, auch sonst waren die Sabbatjahre für die Lehrerin kein lernfreier Raum. Sie nutzte die Zeit außerdem, um Psychologie an der Fernuniversität zu studieren. Damit befindet sie sich in guter Gesellschaft: Ein Studium oder Weiterbildungskurse stehen oft im Zentrum eines Sabbaticals – ganz im Sinn der ursprünglichen Wortherkunft aus dem Universitätsbetrieb.

Die Planung

Gerade wer eine größere Reise vorhat, braucht Zeit für die Vorbereitung: um die Reiseroute zu planen, Visa und Versicherungen einzuholen, sich impfen zu lassen und vielleicht einen Untermieter für die Wohnung zu finden. „Für Australien haben wir ein Dreivierteljahr vorher die Flüge ausgesucht, die ungefähre Strecke überlegt und Equipment besorgt“, erzählt Claudia Ewerhardy. Außer den Flügen hatte sie aber nichts vorab gebucht. „Allerdings würde ich heute jedem raten, doch die ersten zwei Übernachtungen zu reservieren. Wir hatten nämlich in Australien nach 26 Stunden Flug mit Kleinkind das Problem, dass der angepeilte Nationalpark wegen Buschfeuer geschlossen war und wir uns auf die Schnelle eine Alternative für die erste Nacht suchen mussten.“

Auch wenn die Auszeit nicht mit Reisen gefüllt ist, empfiehlt sich ein bisschen Planung. Frauke Petersen: „Man sollte sich im Sabbatjahr neue Strukturen schaffen, zum Beispiel ein paar Highlights setzen, auf die man sich freuen kann. Sonst besteht die Gefahr, dass man die freie Zeit ‚vergammelt‘.“

Die wichtigste Frage lautet jedoch: Wie lässt sich die Pause im Job realisieren? Statt unbezahlten Urlaub zu nehmen, sollte man versuchen, eine bezahlte Freistellung zu erreichen. Dazu gibt es verschiedene Modelle, bei denen man sich durch Mehrarbeit beziehungsweise geringere Bezahlung ein Zeit- oder Gehaltsguthaben erwirtschaftet, das man während der Auszeit dann nutzt. Die Pluspunkte: Das Einkommen bleibt in der arbeitsfreien Zeit weiterhin stabil und auch die Beiträge zur gesetzlichen Renten-, Pflege- und Krankenversicherung laufen weiter. Im Vorteil sind dabei Beschäftigte im öffentlichen Dienst; für sie ist die Möglichkeit eines Sabbaticals gesetzlich beziehungsweise tariflich geregelt. So war es auch bei Frauke Petersen, die als Lehrerin Landesbeamtin ist: „Ich habe in der Ansparphase drei Jahre lang auf ein Viertel meines Gehaltes verzichtet, im Jahr der Freistellung habe ich dafür weiterhin Geld bekommen.“ Claudia Ewerhardy musste sich anders organisieren: „Mein Arbeitgeber hat aber toll mitgespielt und anfangs flossen auch noch verspätete Bildhonorare auf mein Konto. Ansonsten haben wir auf den Reisen von unseren Ersparnissen gelebt.“ In der freien Wirtschaft bieten rund 16 Prozent der Unternehmen ihren Angestellten ein Sabbatmodell an. Wer nicht das Glück hat, dazuzugehören, muss selbst verhandeln. In der Vereinbarung sollten auch Detailfragen wie Urlaubsanspruch, Krankheitsfall oder Nebenjob geklärt werden.

Der Gewinn

Wer sich auf das Experiment Sabbatical einlässt, profitiert in vielerlei Hinsicht. „Wir haben durch unsere Reisen einen ganz anderen Blick auf das eigene Leben gewonnen. Sich monatelang in einer anderen Sprache durchzuschlagen, selbst mal in der Rolle der Fremden zu sein, das war für uns ein sehr fruchtbarer Perspektivenwechsel“, fasst Claudia Ewerhardy zusammen. Ein Gewinn an Weltoffenheit, Flexibilität und Selbstständigkeit – das sind die Pluspunkte, von denen viele Sabbat-Erfahrene schwärmen.

Der Abstand vom Arbeitsalltag hilft, Energiereserven wieder aufzuladen und den Kopf frei zu bekommen – mit Langzeitwirkung. „Ich habe es genossen, ohne Terminstress in den Tag hineinzuleben, und daraus gelernt, auch im Alltag die Dinge mehr auf mich zukommen zu lassen“, meint Ewerhardy. Frauke Petersen hat den Wechsel von Arbeit und Auszeit als besonders positiv erlebt: „Das eine befruchtet das andere: In der Arbeitszeit hat mich die Vorfreude motiviert, ich konnte bis zum Schluss powern. Am Ende des Sabbatjahres habe ich mich dann voller Energie und Lust auf mein neues erstes Schuljahr vorbereitet.“

Kein Wunder also, dass so viele Menschen von einer Auszeit träumen, auch viele Kolleginnen von Frauke Petersen. „Doch die meisten sagen dann: ‚Ich würde ja gern, aber ich kann das derzeit leider nicht realisieren.‘ Ich frage mich manchmal: Können sie es wirklich nicht – oder können sie es sich nur nicht vorstellen?“

Ausreichend Vorlaufzeit und gründliche Vorbereitung sind das A & O

BERUFLICHE AUSZEIT – DAS IST WICHTIG!

  • In der freien Wirtschaft gibt es keinen gesetzlichen Anspruch auf eine längere Auszeit.
  • Es gelten die Regeln, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber gemeinsam aushandeln, dabei sollten folgende Punkte geklärt werden:

> Wie lässt sich die Auszeit realisieren, wird z. B. im Vorfeld ein Zeit- oder Gehaltguthaben aufgebaut?
> Wie wird der Einstieg ins Sabbatical, wie die Rückkehr organisiert?
> Werden Krankheitstage angerechnet?
> Können eine betriebliche Altersvorsorge oder andere Leistungen fortgeführt werden?
> Besteht der Kündigungsschutz fort?
> Darf in der Auszeit ein Nebenjob angenommen werden?

  • Alle Vereinbarungen sollten schriftlich fixiert werden.

REISEN IM SABBATICAL – DAS SOLLTEN SIE BEACHTEN!

  • Frühzeitig und umfassend planen – besonders bei Auslandsreisen.
  • Finanzierung der Reise klären und dabei ein Polster für Unvorhergesehenes (frühzeitige Rückkehr, Diebstahl oder Verlust) einkalkulieren.
  • Einreise- und Visa-Bestimmungen sowie Impfempfehlungen für die Zielländer recherchieren.
  • Für ausreichend Versicherungsschutz sorgen, z. B. durch Auslands-Krankenversicherung.
  • Jemanden suchen, der sich während Ihrer Abwesenheit um die Wohnung kümmert.
  • Soziale und finanzielle „Verpflichtungen“ im Blick behalten, z. B. für regelmäßige Zahlungen Daueraufträge einrichten, Vertrauenspersonen Vollmachten erteilen, Mitgliedschaften und Posten in Vereinen ggf. ruhen lassen.

Ein Sabbatical aushandeln – Mit diesen Argumenten überzeugen Sie skeptische Chefs!

  • „Eine Auszeit beugt einem Burnout sowie Langeweile und Routine vor. Damit reduzieren Sie Fehlzeiten und Fluktuation.“
  • „Ich werde erholt und ausgeglichen zurückkommen und mit Schwung und Begeisterung an die Arbeit gehen.“
  • „Ich werde mit meinen Erfahrungen (Fremdsprachenkenntnisse, kulturelles Verständnis, Zertifikate) neues Wissen und frische Ideen ins Unternehmen bringen.“
  • „Meine Wertschätzung für das Unternehmen steigt, wenn mir ein Sabbatjahr ermöglicht wird. Ich fühle mich meiner Firma enger verbunden und verpflichtet.“
  • „Das Unternehmens-Image verbessert sich, so können Sie leichter auch begehrte High Potentials rekrutieren.“
  • „Vielleicht können Sie so auch eine Überkapazität abbauen oder wollen einer Nachwuchskraft als Vertretung eine Bewährungschance geben.“

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *