Gelassen scheitern

Scheitern ist ein Tabuthema unserer Leistungsgesellschaft. Dabei sollten wir offen darüber sprechen, findet der Coach Felix Maria Arnet. Eine persönliche Niederlage hat ihn zum Scheiter-Profi gemacht. Im Gespräch mit medpex erklärt er, warum es so gefährlich ist, Fehler zu verleugnen, und wie man stattdessen gestärkt aus der Situation herausgeht.

„Mein Name ist Felix Maria Arnet und ich bin gescheitert. Brutal gescheitert.“

Wer sich so vorstellt, bricht ein Tabu unserer Leistungsgesellschaft. Denn weder in Unternehmen noch privat wird offen über Misslungenes gesprochen. Der Wiesbadener Coach und Buchautor tut das jedoch mit voller Überzeugung. Denn er ist der Meinung: Nur aus Fehlern kann man lernen. Arnet weiß, wovon er redet. Seine fast 20 Jahre lang erfolgreiche Werbeagentur ging insolvent, mit einem Mal stand er beruflich wie privat vor dem Aus. „Die Scham macht alles noch schlimmer. Vor allem, wenn du von oben nach ganz tief unten fällst.“ Eine extreme Situation erlebte er damals in einem Laden, in dem er einen neuen Handyvertrag abschließen wollte. „,Herr Arnet, Sie sind ja pleite. Da kann ich Ihnen keinen Vertrag geben!‘, posaunte die Verkäuferin durchs Geschäft, nachdem sie meine Kreditfähigkeit abgefragt hatte.“ Dass Arnet heute so offen über Situationen wie diese reden kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Auch er kennt die – wie er sagt – Bademantel-Depression: Man igelt sich zu Hause ein, spricht mit niemandem, pflegt sich nicht mal mehr. Doch nach der Lethargie-Phase gelang dem Wiesbadener das Comeback, indem er das Scheitern zu seinem Beruf machte. Er absolvierte eine Ausbildung als Coach, veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema und wurde so einer der bekanntesten Experten Deutschlands auf diesem Gebiet. 2015 wurde er dafür mit dem „Change Award“ für die mutigste Veränderung ausgezeichnet.

Jeder scheitert – doch keiner gibt es offen zu

Was nach einer Veränderung im Handumdrehen klingt, war für Felix Maria Arnet harte Arbeit. Denn aus dem Scheitern zu lernen, fällt uns schwerer, je älter wir werden. Kleinkinder beweisen meisterhaft, wie es geht: Sie fallen hunderte Male hin, stehen wieder auf und lernen so laufen. Doch spätestens in der Schule gilt derjenige als „schlecht“, der Fehler macht. Und ab da reißt der Leistungsdruck nicht mehr ab. Wer seinen Job verliert, eine Trennung erlebt oder auch einfach im Alltag einen Fehler macht, spricht ungern darüber – schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Dabei muss es überhaupt nicht um existenzielle Beispiele gehen: Auch wer ein Essen anbrennen lässt, eine Schramme ins Auto fährt oder auf der Arbeit das ein oder andere verbaselt, vertuscht die Umstände lieber. „Nach wie vor herrscht in Deutschland keine offene Diskussionskultur darüber. In angelsächsischen Ländern ist das ganz anders“, sagt er. In US-amerikanischen Firmen werde beispielsweise bewusst von Fehlern erzählt, damit auch andere daraus lernen können.

Fehlerakzeptanz fördern, neue Ziele konsequent angehen

Ein solches Umdenken wünscht sich der Scheiter-Profi. Denn mit dem Leugnen oder Verschweigen einer Niederlage lähmt man sich in zweierlei Hinsicht: Zum einen wird die Bereitschaft der Deutschen, etwas zu wagen, und sich womöglich dadurch einen Traum zu erfüllen, immer geringer, aus Angst, auf die Nase zu fallen.  Zum anderen verharrt man in der Situation des Misserfolgs zu  lange in der Lethargie-Phase oder sucht uneinsichtig nach einem Schuldigen und verspielt dadurch wichtige Zeit, in der beispielsweise Schuldenberge wachsen und der Wiedereintritt in den Job  mit jedem Tag schwerer fällt. Statt mit seinem Kummer oder seinen  Vorsätzen, es beim nächsten Mal besser zu machen, allein zu bleiben, sollte man auf die Unterstützung anderer setzen. „Nicht umsonst sind Konzepte wie zum Beispiel Weight Watchers so erfolgreich. Denn hier wird in der Gruppe um Erfolge gerungen, minutiös jeder Fortschritt registriert und vor allem gefeiert!“, sagt  Arnet. Gerade beim Wunsch, abzunehmen, scheitern viele. Denn aus Gewohnheiten auszubrechen und auf Versuchungen zu verzichten, fällt enorm schwer. Der Profi rät daher, sich ein messbares,  aber realistisches Ziel vorzunehmen – beispielsweise drei  Kilo in zwei Monaten – und anderen davon zu erzählen, damit Ausreden und Aufschieberitis keine Chance haben. Auch zahlreiche Sprecher der sogenannten „Fuckup Nights“ empfehlen, sich Fehlschläge möglichst früh einzugestehen. Die Veranstaltungsreihe, die es mittlerweile weltweit gibt, will den  offenen Umgang mit dem Scheitern ebenfalls promoten, indem  verschiedene Gäste von ihren größten Pleiten erzählen.„Innerhalb kürzester Zeit verlor ich alles“, berichtet zum Beispiel Unternehmer  Mathias Dehe, auf einer „Fuckup Night“ in Frankfurt am  Main. „Ich war gescheitert als Ehemann, als Vater, als Vorstand  einer Aktiengesellschaft. Mein Leben passte in eine Streichholzschachtel.“  Dem Geschäftsmann gelang der Wiederaufstieg, indem  er sich ein persönliches Ziel vornahm. Er begann ein Lauftraining  und absolvierte innerhalb weniger Monate zwei Marathon-Läufe.  Das gab ihm das nötige Selbstbewusstsein sowie Energie und Gesundheit,  um die Krise gut durchzustehen. rf // 

Tipps für gelassenes Scheitern

1. Einen Punkt hinter das Geschehene setzen

„Wenn wir so richtig auf die Schnauze gefallen sind, suchen wir die Schuld bei uns oder auch bei anderen“, sagt Felix Maria Arnet. Fragen wie „Wie konnte ich so dumm sein? Warum wurde mir gekündigt? Wieso wurde ich verlassen?“ sind an der Tagesordnung. Doch das Grübeln muss ein Ende haben. „Sie müssen Ihr Scheitern akzeptieren und einen Punkt hinter das Geschehene setzen. Denn es ist nicht mehr zu ändern. Erst wer das Vergangene akzeptiert, kann nach vorne schauen.“

2. Einen Co-Piloten finden

„Nach einem Absturz beschäftigt man sich mit so vielen Dingen gleichzeitig – das schaffen Sie nicht allein.“ Arnet rät daher, auf einen Co-Piloten zurückzugreifen, mit dem man reden kann und der Ratschläge gibt. Das kann ein Freund, der Ehepartner, ein Coach oder Therapeut sein. „Wichtig ist, dass derjenige hart im Nehmen ist, wenn der Gescheiterte in seiner schweren Phase auch mal austeilt. Und: „Der Be- troffene soll unterstützt und nicht bedauert werden.“

3. Positiv denken

Negative Gedanken kosten Kraft, die man in der Krise unbedingt braucht. „Bleiben Sie aktiv und versuchen Sie, Ihre Kräfte zu mobilisieren.“ Damit das gelingt, rät der Experte, sich auf das zu besinnen, was man kann und bisher geleistet hat. Zudem sollte man alles meiden, was einen schwächt. Dazu können auch soziale Medien gehören, in denen Nutzer die heile Welt vorgaukeln.

4. Einen Plan schaffen

„Erstellen Sie eine Art Landkarte, die aufzeigt, wo Sie stehen und wo Sie hin wollen“, sagt Arnet. Man kann aufzeichnen, über welche Ressourcen man verfügt, welche Möglichkeiten es gibt, welche Kosten es zu investieren gilt. Wichtig dabei: Vorzugsweise zusammen mit dem Co-Piloten realistische Ziele definieren und die Schritte dahin planen. „Man darf keinen hochfliegenden Visionen nachjagen, sondern muss in kleinen Etappen denken: ,Was hilft mir jetzt unmittelbar? Was muss dringend erledigt werden?‘“

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