Work-Life-Balance – Eine Betrachtung des eigenen Alltags

Wo fängt man bei dem Thema an? Geht es um Einzelmaßnahmen wie Arbeitszeitverkürzung, ausreichend Bewegung, Yoga oder Ayurveda, das Smartphone einfach mal ausschalten oder ganz grundsätzlich darum, in welchem Verhältnis unsere Arbeits- und Lebenszeit zueinander stehen? Annäherungen an ein komplexes und sehr wichtiges Thema.

Seit Wochen schleppe ich einen Stapel Fachzeitschriften und -magazine mit mir herum. Ich möchte wissen, was so alles aktuell über das Thema Work-Life-Balance geschrieben wird. Bezeichnenderweise komme ich nicht dazu, die Beiträge zu lesen, was auf eine gestörte Work-Work-Balance schließen lässt. Mit anderen Worten, ich habe zu viel um die Ohren. Da kommt mir der Anruf meines alten Freundes Leo aus München gerade recht, der fragt, ob ich nicht ein Wochenende runterkommen wolle, um am Ammersee gemeinsam segeln zu gehen. Vor allen Dingen aber möchten wir uns wiedersehen, was mit unserer Friendship-Balance zu tun hat, die ist nämlich seit über einem Jahr aus dem Ruder gelaufen. Zeit, Work-Life-Balance ernst zu nehmen: bei einer gemütlichen Fahrt im ICE meinen Stapel endlich lesen zu können (Work) und nach Ankunft im Münchner Hauptbahnhof Life genießen!

26 % der Frauen und 32,9 % der Männer meinen, dass die Arbeit einen zu hohen Stellenwert in ihrem Leben einnimmt, rund 6 % meinen, einen zu niedrigen Stellenwert. (Quelle: Statista)

Ich schaue aus dem Abteilfenster und denke an gestern Abend: Die Klasse unserer Tochter organisierte ein Abschlussfest, um ihre geliebte junge und motivierte Klassenlehrerin Julia Müller zu verabschieden. Das Ganze fand bei Eltern mit einem großen Haus und einem noch viel größeren alten, eingewachsenen Garten statt und Kinder und Eltern genossen eine lauschig-milde Nacht vor dem Ferienbeginn. Eindeutig ein After-Work-Abend beziehungsweise sogar ein Abend in absoluter Life-Domains-Balance (damit bezeichnet man im Fachjargon, wenn es um wirklich nur das Privatleben geht): Austausch mit anderen Eltern, gemeinsames Grillen, Lachen, Musik, lockeres Im-Garten-Sitzen bei einem Glas kalten Chardonnay, ein Freitagabend, der Abend zwischen Work und Life, der die Balance im Idealfall zugunsten von Life dreht.

Privatleben ist wichtig! 60 % der Erwerbstätigen in Deutschland sagen, dass sie keinesfalls für die Karriere ihr soziales Umfeld aufgeben würden. (Quelle: evah./FAZ.NET)

Die kleinen Auszeiten pflegen

Und da denke ich wieder an das schöne Beispiel einer Work-Life-Balance-Idee, die Stefan an dem Abend zum Besten gab: Stefan arbeitet bei einer Bank in Frankfurt, in der City, und er erklärte uns, dass er jetzt immer einmal die Woche von Darmstadt morgens mit dem Rad zur Arbeit fahre. Abends mit dem Zug zurück und am nächsten Tag morgens wieder mit dem Zug zur Arbeit und abends mit dem Fahrrad zurück. Stefan erzählte, dass die da Duschen hätten; er habe sich eine schöne Route zurechtgelegt und genieße es, einmal die Woche richtig früh aufzustehen, um die rund 30 Kilometer Fahrt durch Wälder und Auen mit dem Rad zu fahren. Tue ihm gut. Sportliche Betätigung, das Gefühl, Arbeit und Lebensbedürfnisse in Einklang zu bringen. Darüber hinaus spielt Stefan am Wochenende Tennis. Das Wochenende gehört ihm und seiner Familie. Mir erschien Stefan, trotz stressigen Jobs in Frankfurt und täglichem Gependele, als äußerst ausgeglichen.

Passt irgendwie zu dem, was ich in verschiedenen Artikeln zum Thema gelesen habe. Dass Experten nämlich relativ wenig von dem Lösungsansatz halten, das ganze Leben umzukrempeln, sie empfehlen hingegen kleine Schritte in Sachen geglückter Work-Life-Balance: Morgens nicht gleich als Erstes Mails lesen, ob nun auf Smartphone oder Computer. Vielmehr den Tag für sich bewusst und selbstbestimmt beginnen. Mittags, anstatt vor dem Bildschirm ein Brötchen in sich hineinzuschlingen, eine warme Suppe oder ein leckeres und gesundes Gericht essen. Und auch hier gilt: das Essen bewusst zu sich nehmen. Sich kleine Auszeiten über den Tag nehmen. Wenn man mit Kollegen in die Kantine geht, sollte man nicht über Probleme, vielmehr etwas Schönes sprechen, sonst läuft im Körper die nächste Stressreaktion ab. Und das Smartphone ab und zu einmal bewusst „vergessen“.

Selbstbestimmt – das Smartphone einfach mal ausschalten

Die Problematik der Smartphones besteht aus zwei Thematiken: Seit das Smartphone immer dabei ist, sind wir nie ganz da, wo wir gerade sind (weil wir ständig mit anderen Welten in Verbindung stehen). Und wir schalten nicht ab, da wir ständig denken, (schnell) reagieren zu müssen (noch dazu mit Smiley am Ende der Mail oder SMS: Diese Abbinder sind so inflationär geworden, dass wir uns schon gar nicht mehr trauen, „normal“ zu senden, um nicht als uncool oder zu nüchtern rüberzukommen!).

Rund 72 % der männlichen und weiblichen Arbeitnehmer sind während des Sommerurlaubs oder über die Weihnachtstage telefonisch, per SMS oder per E-Mail erreichbar. Tendenz steigend. (Quelle: Bitcom)

Es ist vor allen Dingen das Gefühl des Reagieren-Müssens, das uns stresst. Das gleiche Gefühl, das laut Helen Heinemann, Begründerin des Instituts für Burnout-Prävention in Hamburg, generell Stress auslöst und zu einer gestörten Work-Life-Balance führt, wenn wir uns überfordert fühlen. Sie unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen aktivem und passivem Stress. Passiver Stress ist beispielsweise, wenn wir nicht dazu kommen, unsere eigentlichen Aufgaben zu erledigen (daher stresste mich der Stapel an unbearbeiteten Zeitschriften über Tage und Wochen enorm). Wenn wir beispielsweise durch Meetings, Mails und ständige Unterbrechungen von unserem Tun abgehalten werden. Aktiver Stress ist, wenn wir endlich loslegen und Dinge bearbeiten, erledigen und vorantreiben können.

Die Trennlinie zwischen Privatem und Beruflichem weicht immer weiter auf: 20 % der Männer und Frauen nutzen ihr Smartphone als mobiles Büro und erledigen während privater Treffen berufliche Dinge damit. (Quelle: Bitcom)

Sport führt zu Ausgleich

Für die Lehrerin unserer Kinder, Julia Müller, scheint Sport zum Ausgleich enorm wichtig zu sein. Sie ist eher der aktive Typ und tanzt mehrere Male die Woche. Für viele Mütter ist es Yoga, das als enorm ausgleichend zum Alltagsstress empfunden wird. Für zahlreiche Väter, gerade die, die ihre Zeit mehrheitlich in Büros verbringen, Joggen oder Radfahren in Naturumgebung. Sportmediziner Ingo Froböse, Professor für Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule Köln: „Durch Bewegung bauen wir Spannungen ab, verbrauchen das Adrenalin, das der Körper in Stresssituationen ausschüttet, und bringen so unsere Hormone wieder in Balance. Durch körperliche Aktivität normalisieren wir unsere Homöostase, also unser Gleichgewicht, und schaffen so erst die Voraussetzung für Entspannung.“ Allerdings warnt der Mediziner davor, Sport als Hochleistungssport aufzufassen: „Körperliche Aktivität wirkt nur dann regenerierend und entspannend, wenn wir danach nicht vollkommen erledigt aufs Sofa fallen, sondern aufhören, solange wir gute Gefühle haben, und nicht erst, wenn wir nicht mehr können.“

Aus gestörter Work-Life-Balance kann Burn-Out werden

Jeder Mensch wird wohl ganz unterschiedliche Bedürfnisse in Sachen seiner Work-Life-Balance haben, was sicherlich auch stark von der individuellen Definition des Sinns des Lebens und der eigenen Auffassung von Glück abhängig ist. Anzeichen für eine schwer gestörte Work-Life-Balance (im Grunde bereits Anzeichen von Burn-out) sind: Es werden kaum noch Freundschaften gepflegt, soziale Kontakte werden als nur noch lästig empfunden, Arbeit dominiert alles über einen immer längeren Zeitraum mit der Folge eines Gefühls der Dauererschöpfung, von Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen und dem immer größeren Gefühl, die Aufgaben nicht bewältigen zu können. Die psychische und physische Leistungsfähigkeit nimmt kontinuierlich ab. Der Betroffene verliert zunehmend die Fähigkeit, sich nachhaltig zu erholen.

65 % aller deutschen Unternehmen bieten ihren Arbeitnehmern flexible Wochenarbeitszeit an. 73 % Teilzeitarbeit, 46 % variable Arbeitszeiten und 33 % Sabbaticals sowie 27 % Telearbeit/virtuelle Teams. (Quelle: Statista)

Ayurveda führt zu innerer Balance

Ich blättere eine Tageszeitung durch und lese, dass der prominente DJ und Godfather des Techno Sven Väth (51) im Frankfurter Römer mit der Goetheplakette ausgezeichnet wurde. Und erfahre, dass der Mann einerseits immer noch zwei- bis dreimal die Woche in Clubs von Ibiza bis Mailand bis sechs Uhr morgens auflegt, sich dabei in einen exzessiven Rausch reintanzt und andererseits ab November für mehrere Monate eine Auszeit nimmt. Früher Ayurveda-Kur in Indien, heute an der Mosel (Ayurveda hat einen ganzheitlichen Anspruch und umfasst physische, mentale, emotionale und spirituelle Aspekte. Konkret findet das bei Ayurveda-Kuren durch Ayurveda-Massage und -Reinigungstechniken, Ernährung, spirituelle Yogapraxis sowie Pflanzenheilkunde seine Umsetzung). Das scheint sein Konzept von Work-Life-Balance zu sein: Er muss die Balance nicht innerhalb einer Woche halten, bei ihm funktioniert das offenbar übers Jahr verteilt. In jedem Fall scheint er mit permanentem Schlafmangel zumindest während der Saison gut umgehen zu können. Mit Schlafdefizit über längere Zeit hätte ich mein Problem und stehe da sicherlich nicht allein.

Der Arzt Dr. Ulrich Bauhofer zum Thema Schlaf: „Schlaf ist die wichtigste Regenerationsmöglichkeit des Körpers. Bei Schlafmangel nehmen die Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit sowie die Reaktionsfähigkeit ab. Das Immunsystem wird über die Maßen beansprucht.“ Wie auch Sven Väth empfiehlt Dr. Ulrich Bauhofer Ayurveda-Techniken, um zu einem größeren Abstand zwischen Arbeit und Privatleben zu gelangen: „Durch den gestiegenen Druck am Arbeitsplatz und die vielen Reize, mit denen wir klarkommen müssen, hat sich unser Alltag so beschleunigt, dass erschreckend viele Menschen den Stress, der sich tagsüber aufbaut, nicht mehr abbauen können. Ein Adrenalinschub ist kein Problem – wenn sich der Körper danach entspannen kann.“

Schöne Momente mit der Familie zu teilen, ist vielen Deutschen ein großes Bedürfnis. Allerdings ist die gemeinsame Zeit oft knapp bemessen – auch durch lange Arbeitszeiten. Dabei wünschen sich 82 % der berufstätigen Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern. (Quelle: VTech)

Mein Fazit in Sachen Work-Life-Balance

Ich befinde mich auf der Rückreise meines Work-Life-Balance-Wochenendes. Hinter mir liegt ein wundervolles Wochenende, das am Samstagabend bei einem Griechen in Schwabing seinen Anfang nahm. Später Radeln durch die nächtliche Stadt, ein Cocktail und Sich-Verlieren-Lassen auf dem Sommerfestival Tollwood im Münchner Olympiapark (Entschleunigung auch hier das Thema: www.tollwood.de), dann der Höhepunkt am Sonntag auf dem Wasser des Ammersees. Das besonders Entspannende und Befriedigende daran war: keine Kompromisse in Sachen Zeitmanagement, kein Blick auf das iPhone (auf dem dahinschießenden Katamaran schon mal gar nicht möglich) und endlich einmal wieder Zeit mit Leo verbracht zu haben. Sollte ein sehr guter Beitrag zu meiner inneren Balance der nächsten Tage sein und macht den Montagmorgen im Büro sicherlich einfacher. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Work-Life-Balance hat aber mehr bei mir bewirkt; ich möchte zukünftig an weiteren Schräubchen drehen: mir mittags mehr Zeit zum Essen nehmen, nicht versuchen, alles miteinander zu verbinden, und das iPhone öfters mal einfach „vergessen“. Und ich werde mir eine Hängematte zulegen, für mehr Auszeiten, einfach mal baumeln lassen. War schon nahe dran, die auf dem Tollwood mitzunehmen, wollte mich aber nicht mit zusätzlichem Gepäck stressen. Kann ich auch stressfreier online bestellen. mf //

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