Skitourengehen als Ganzkörpertraining

Beim Skitourengehen warten wunderschöne Winterlandschaften

Beim Skitourengehen warten wunderschöne Winterlandschaften

Skitourengehen als Alternative zum Alpinski ist ein Ganzkörpertraining, das Fettpölsterchen den Kampf ansagt. Und gratis dazu gibt’s eine atemberaubende Kulisse und einmalige Natur, die den Skiwanderer zu sich selbst kommen lassen. Kein Wunder, dass immer mehr Skifahrer Felle unter die Ski spannen!

Ich habe mich gesteigert – aber jetzt bin ich kurz davor zu kapitulieren! Jeder weitere Schritt ist eine Qual. Schwer atmend stütze ich mich auf meine Skistöcke. Versuche, langsam und rhythmisch ein- und auszuatmen, in der Hoffnung, meinen hämmernden Puls zu beruhigen. Der Atem vor mir gleicht einem Nebel. Kein Wunder bei minus 20 Grad Celsius. Es ist kurz vor acht Uhr abends, längst wollte ich auf der Hütte angekommen sein, die, obwohl sie nun immerhin in Sichtweite vor mir auf einem Bergvorsprung auf 2 500 Meter Höhe thront, doch irgendwie unerreichbar wirkt. Ich fixiere einen blauen Begrenzungsstab an der Piste – geschätzte 25 Meter – und fange an, weiterzugehen. Meine Füße schmerzen in den neuen Tourenskistiefeln. Als ich die blaue Stange erreiche, beginnt das Prozedere erneut: Pause, aufstützen, langsam ein- und ausatmen – die Luft hier oben fühlt sich sehr dünn an.

Auch wenn ich gefühlt gerade kurz davor bin, mich hinzulegen (was ich natürlich nicht mache, dazu hat man zu viel Schlimmes gehört), habe ich mich gesteigert! Nämlich dahingehend, dass ich schlauer geworden bin. Meine Aussage mag an dieser Stelle vielleicht irritieren, doch als ich das Skitourengehen zum ersten Mal ausprobierte, hatte ich im nächstbesten Skiverleih des Ortes Equipment ausgeliehen: leichte Freeride-Ski mit Tourenskibindung, Tourenschuh und ein extrem entspannter amerikanischer Mitarbeiter erklärte mir den Gebrauch der Felle. Eigentlich ganz einfach: an der Skispitze einhängen, über den gesamten Ski ziehen und hinten festklicken. Nach dieser „quick instruction“ machte ich mich auf zur Piste und begann den steilen Aufstieg der Talabfahrt. Hochmotiviert, fasziniert von der neuen Technik, bei der die Stiefel nur vorn an der Bindung des Skis fixiert sind: Je nach Steigung des Geländes kann die Bindung hinten variiert werden, sodass man beim Auftreten praktisch immer in der Waagerechten ist. Doch schon bald wurde mir unter meinem Helm viel zu warm. Für die Pistenabfahrt später brauchte ich ihn aber noch, also hängte ich ihn schließlich an meinen Rucksack, der auf meiner viel zu warmen Daunenjacke saß. Nun baumelte der Helm unkontrolliert auf meinem Rücken herum, von links nach rechts und wieder zurück. Der Nebel ging in Schneeregen über, meine von innen sowieso schon nasse Daunenjacke war nun auch von außen total durchnässt. Tapfer kämpfte ich mich am Pistenrand Schritt für Schritt weiter hoch, während mir aus dem Nebel fröhliche Skifahrer entgegenkamen. Nach zwei Stunden Schinderei hatte ich schlicht und einfach keine Lust mehr, mir das länger anzutun. Vor allem nicht, nachdem eine mir altersmäßig, aber auch konditionell überlegende Frau mit langen Schritten auf hauchdünnen Tourenski scheinbar mühelos an mir vorbeizog. Aber ihre Silhouette offenbarte auch warum: dünnste Funktionskleidung, hauchdünne Mütze und ein gut befestigter Helm. Sie war einfach schlauer (und besser trainiert). Ich stoppte mein Unterfangen und widmete mich dem weniger anstrengenden Teil meines Ausflugs: Ski ausklicken, Felle abziehen und verstauen, Bindung verriegeln, Schuhe von „Walk“ auf „Ski“ umstellen, Schnallen festziehen und dann ging es die Piste hinunter. Der Ski ließ sich gut fahren, ein bisschen weicher als mein gewohnter Riesenslalomski, was aber sicherlich nicht nur am Tourenski lag, sondern auch an den weicheren Schuhen. Nach gefühlten zwei Minuten war ich dort angekommen, wo ich über zwei Stunden zuvor meinen Aufstieg begonnen hatte.

Ich habe Feuer gefangen! Auch wenn die eben beschriebene Ouvertüre noch so ihre Schwachstellen hatte; der Anfang war gemacht und irgendwie fühlte ich mich hinterher doch sehr gut. Es war ein gutes Gefühl, Sport getrieben zu haben, ein paar Kalorien verbrannt zu haben, die Arme bewegt zu haben. Schwer motiviert begann ich, zu Hause regelmäßig Nordic Walking zu machen, denn der Bewegungsablauf ist ein sehr ähnlicher. Im hügeligen Gelände, versteht sich. Und obwohl ich objektiv somit einiges an Vorbereitungen für meinen nächsten Versuch mit dem Tourenski getan hatte, merke ich jetzt hier und heute – nach knapp 700 bewältigten Höhenmetern – kurz vor der Hütte nicht unbedingt etwas davon!
Nach einer letzten Anstrengung schaffe ich es dann aber doch, meinen ermatteten Körper gegen die vom Schnee verwehte knarrende Hüttentür aus hell gegerbtem Walliser Holz zu stemmen. Im Inneren der oberhalb von Verbier auf der „Haute Route“ (eine mehrtägige internationale hochalpine Wander- und Skiroute von Zermatt nach Chamonix oder umgekehrt) gelegenen Cabane erwartet mich wohlige Wärme. Das erste Panaché stürze ich praktisch in einem Zug runter. Wenig später verspeise ich hungrig dampfende Spaghetti Bolognese.
Bevor ich todmüde ins Bett falle, will ich aber meiner Familie noch kurz sagen, dass alles in Ordnung ist. Als ich mein Smartphone aus dem Rucksack ziehe, merke ich, dass der Akku sich längst verabschiedet hat – kein Lebenszeichen mehr. Bei minus 20 Grad Außentemperatur ja eigentlich auch kein Wunder! Mir schießt ein Gedanke in den Kopf: Was, wenn ich umgefallen wäre, ein Herzinfarkt oder was auch immer? Ich hätte noch nicht einmal jemanden anrufen können. Das wird mir nicht noch einmal passieren. Das Smartphone gehört an den warmen Körper und vielleicht müssen es beim nächsten Mal auch nicht gleich 700 Höhenmeter sein? (mf)

Tipp: Die richtige Kleidung
Passen Sie Ihre Kleidung dem Wetter an und achten Sie beim Kauf Ihrer Skitourenbekleidung darauf, dass diese atmungsaktiv ist und aus mehreren Schichten besteht. So ist das Ankleiden und Ausziehen jederzeit möglich. Ein leichtes Frösteln zu Beginn Ihrer Tour ist durchaus in Ordnung. Nach wenigen Metern und Minuten kommt Ihr Herz-Kreislauf-System so richtig in Schwung und eine wohltuende Wärme macht sich bemerkbar.

Skitourengehen Bindung

Die spezielle Tourenski-Bindung lässt sich an der Ferse öffnen. (Bild: mfk)

Info: Tourenskibindung

Eine Tourenskibindung unterscheidet sich nicht nur äußerlich von der klassischen Skibindung, sondern auch in der Funktion. Das Bindeglied zwischen Ski und Skischuh lässt sich für den Aufstieg im Bereich der Ferse öffnen, um gehen zu können. Für die Abfahrt schließt man diese Bindung und schwingt ins Tal. Sofern man nicht nur den Aufstieg machen möchte, sondern auch mit den Skiern abfahren möchte, empfiehlt sich unbedingt eine Sicherheitsbindung im Vergleich zu den neuesten Modellen mit superleichter, aber fixer Bindung. Für den Aufstieg benötigen Sie sogenannte „Skifelle“. Tourenschuhe mit weicherer Bauart erleichtern Ihnen das Gehen.

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