Hoch hinaus!

Klettern ist ein optimales Ganzkörpertraining

Klettern ist ein optimales Ganzkörpertraining

Rund 340 große Kletterhallen sind in den letzten zehn Jahren in Deutschland entstanden. Klettern als Ganzkörpertraining für Handmuskulatur, Oberarme, Schultergürtel, Bauch-, Hüft- und Beinmuskulatur wird immer beliebter. Wer lieber in Bodennähe bleibt und technische oder akrobatische Herausforderungen auf kurzen Strecken liebt, dem sei Bouldern empfohlen.

Zu meinem dreißigsten Geburtstag schenkte mir Pia, meine beste Freundin, den Gutschein für einen Einsteigerkurs in der neuen DAV-Kletterhalle. Lachend meinte sie, dass es mit 30 doch Zeit wäre, ganz nach oben durchzustarten. Dabei bin ich gar nicht schwindelfrei, das weiß Pia eigentlich – aber sie meinte nur: „Ich bin schwerer als du, ich sichere dich!“

Da stehen wir nun. Es ist Freitagabend und wir sind zu sechst. Sebastian, unser Kursleiter, gibt eine kurze Einführung in Technik, Kletterknoten und Absicherung – das ist zu Beginn einer Kletterkarriere fast wichtiger als das Klettern selbst. Doch zunächst müssen wir uns aufwärmen: Wir laufen uns ein wenig warm, machen Kniebeugen und leichte Dehnübungen. Erst dann legen wir den Klettergurt an, fädeln das Seil ein und los geht’s! In diesem Fall heißt das: Es geht nach oben. Genau das hatte Pia mir ja angekündigt. Sie sichert mich mit der sogenannten Toprope-Sicherung (von engl. top – oben, rope – Seil). Bei dieser Sicherungsform bleibt das Seil in einem sicheren Fixpunkt an Fels oder Wand, der sogenannten Umlenkung, eingehängt und der Kletterer wird vom Boden aus gesichert.

Klettern ist leicht – dachte ich, denn als Kind kletterte ich auf Bäume und Klettergerüste, ohne dass mir jemand sagen musste, wie es geht. Doch nun ist Klettern schwer: Die Griffe in der Kletterhalle sind groß, rund und unhandlich, sie lassen sich schwer greifen. Ich merke schon, mit purer Muskelkraft kommt man beim Klettern nicht besonders weit. Da braucht es auch viel Ausdauer und Geduld. Der nächste Griff ist viel zu weit weg und ich klappe bei jedem Versuch wie eine offene Tür aus der Wand. Mein Gleichgewichtssinn und meine Kreativität sind jetzt gefordert. Und je länger ich klettere, desto sicherer werde ich, finde meinen Weg an der Wand.
Doch schon nach kurzer Zeit bin ich ziemlich kaputt, meine Arme sind taub oder schmerzen, die Finger werden wund. Ich komme nicht mehr vom Fleck, weil nicht nur meine Arme vom Klettern beansprucht werden, sondern auch die komplette Tiefenmuskulatur, das hat uns Sebastian vorher erklärt. Als ich da so in den Seilen hänge, ruft unser Kursleiter: „Setz dich einfach hin. Ruh dich aus, relaxe und stabilisier dich nur mit den Füßen an der Wand.“ Ich soll die Hände von der Wand nehmen? Loslassen? Pia nickt zustimmend und stemmt sich noch fester in den gelblichen Linoleumboden. Ich lasse los und sitze in fünf Meter Höhe. Ich, die ich nicht schwindelfrei bin. Und fühle mich großartig. Zum ersten Mal schaue ich mich um. „Soll ich dich ablassen?“, fragt Pia. „Nein“, rufe ich, denn zwei Meter möchte ich noch schaffen. Damit habe ich zwar am Ende nur rund ein Drittel der 17 Meter hohen Kletterhalle erforscht. Aber immerhin, es ist ja mein erster Versuch. Wieder unten gelandet, bin ich doch ziemlich stolz auf mich!

Klettern wird als Sport immer beliebter

Klettern wird als Sport immer beliebter

An der Boulder-Halle komme ich beim Verlassen der Kletterhalle zum Schluss aber nicht vorbei, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Meine Neugier ist geweckt. Wie mag diese Klettervariante aussehen? Drinnen sehe ich drei junge Leute an der Wand hängen. Allerdings ohne Seile zur Sicherung. Das ist aber kein Problem, beim Bouldern (von engl. boulder – Felsblock) werden nämlich keine großen Höhen bezwungen und eine Weichbodenmatte federt eventuelle Stürze ab. Die technischen und akrobatischen Herausforderungen sind bei diesem Sport aber auch auf kurzen Strecken umso größer. Das sieht man auch bei den dreien, die ich gerade beobachte: Alles an ihnen ist Körperspannung und die Anstrengung ist ihnen anzusehen. Angesichts dessen muss ich an meine kleine Pause in luftiger Höhe denken – doch wie ich sehe, gibt es noch viel zu entdecken! Und ich bin sicher: Bei meinem nächsten Besuch in der Kletterhalle werde ich ganz bestimmt auch mal ohne Seil meine Grenzen austesten. (ce/mf)

Therapeutisches Klettern

Aufgrund seiner Vielseitigkeit wird Klettern immer öfter zur Therapie unterschiedlichster Probleme und Krankheiten eingesetzt. Für Patienten mit Wirbelsäulenproblemen, rheumatischen Beschwerden, nach Unfällen oder Schlaganfällen ist besonders die Stabilisierungsfähigkeit des Rumpfes wichtig. Sie bildet die Grundlage jeder Bewegung und schützt vor allem die Wirbelsäule vor Belastungen. Wenn Sie arbeitsbedingt zum Beispiel viel sitzen müssen, können Sie mit einem gut austrainierten Muskelapparat die negativen Folgen wie Nacken-, Schulter- und Rückenschmerzen, Haltungsschäden und das Verkümmern der Muskulatur kompensieren. Hyperaktive Kinder profitieren besonders von der körperlichen und geistigen Herausforderung. Ihr Bewegungsdrang wird dadurch in bewusstes Aktivsein gelenkt. Motorik und Konzentrationsfähigkeit werden verbessert und ihr Selbstwertgefühl gestärkt.

Info

Trauen Sie sich und absolvieren Sie ein Einsteiger-Training beim Kletterverein in Ihrer Region. Adressen und weitere Tipps finden Sie auf der Homepage des Deutschen Alpenvereins (DAV) unter www.alpenverein.de

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