Flauschige Helfer

Ein weiches Fell, eine schnuppernde Nase, ein offener Blick: Tiere bauen instinktiv eine heilsame Beziehung zu Menschen auf. Bei einigen Krankheitsbildern kann das therapeutisch genutzt werden. Unsere Autorin hat Therapietiere auf einem Lama- und Pferdehof besucht und bei ihrer Arbeit begleitet.

Sassa kommt angetrabt und schnüffelt an mir. Die Nase des Pferdes sucht nach der Jackentasche, in die ich meine Hände gesteckt habe. Es ist kalt, ich stehe auf der Koppel und friere. Ob sich bei mir etwas finden lässt? Leider nicht. Aber die Nähe des warmen Pferdekopfes und die Ruhe des Tieres tun mir instinktiv gut. Der 16 Jahre alte Araber, nicht allzu groß, gar nicht angsteinflößend, gehört Christina Schwagrzinna. Sie arbeitet hier in Dallgow-Döberitz nahe Berlin als selbstständige Pferdetherapeutin auf dem Gestüt Gut Seeburg. Das heißt: nicht als Therapeutin für Pferde, sondern mit Pferden für Menschen. Neben Sassa gibt es noch fünf andere Tiere, mit deren Hilfe sich Schwagrzinna um Therapiebedürftige kümmert. Oft handelt es sich um Opfer sexueller Gewalt, Kinder mit Mutismus oder Autismus und Menschen mit Angststörungen. Sassa trägt über seinem hellen, gefleckten Fell eine dicke Jacke. So wie er dort steht, entspannt und in sich ruhend, strahlt er eine natürliche Selbstsicherheit aus. Dieses Pferd denkt nicht viel nach, es reagiert instinktiv. Herrscht Gefahr oder eher nicht? Genau das hilft Klienten, ihre eigene Selbstwirksamkeit zu erfahren. „Mit ihm hat alles angefangen“, sagt Christina Schwagrzinna und streicht über seine Mähne. Vor mehr als zehn Jahren hat sie ihre Karriere als Leistungssportlerin beendet und arbeitete zunächst als Rechtsanwältin, befand sich selbst jedoch auf der Suche. Reiten war ihr Hobby, aber bald wuchs in ihr das Bedürfnis, mit Menschen und Tieren therapeutisch zu arbeiten. Deswegen schloss sie an ihre Ausbildung zur Reitlehrerin noch eine zur Heilpraktikerin in Psychotherapie an. Wie entscheidet sie, welches Pferd welchem Klienten helfen kann? „Das Tier sucht sich die Klienten aus, nicht umgekehrt“, sagt sie. Das ist der eiserne Grundsatz. Außerdem darf kein Tier zum Mitmachen gezwungen werden.

Empathie und Selbstvertrauen

Eine wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Tier existiert schon sehr lange, streng genommen seit die ersten Höhlenbewohner den Wolf zähmten. Eine tiergestützte professionelle Therapie bei körperlichen, sozialen und psychischen Problemen hat sich jedoch erst in den vergangenen 50 Jahren entwickelt. Heute weiß man, dass Tiere Menschen auf der Beziehungsebene ansprechen: Man möchte instinktiv mit ihnen in Kontakt treten, dazu werden Ressourcen im Körper freigesetzt, von denen so manche gar nicht wussten, dass sie über diese noch verfügen. So zum Beispiel neben Empathie das Selbstvertrauen zu handeln. Auch ich bemerke, wie ich nun nicht mehr zögere, das Tier zu streicheln. Meine Finger wandern aus der Tasche heraus und ich lasse sie über das glatte Fell gleiten. Sassa wirkt so, als stehe er ganz vorne an, um etwas zu tun. Er bleibt bei mir stehen, konzentriert auf Schwagrzinna, und schaut aufmerksam auf uns beide, „Pferde sind über Jahrtausende so gezüchtet, dass sie menschenbezogen sind“, erklärt Schwagrzinna. Aus ihrer Sicht eignet sich daher jedes Pferd zur Therapie. Um Missverständnissen vorzubeugen: Eine Therapiestunde ist jedoch keine Reitstunde. Hier geht es nicht um die perfekte Haltung im Sattel, sondern um das Streicheln, Erleben, Fühlen. Wie verhalte ich mich, was davon spiegelt das Pferd in seinem Verhalten? Dadurch begreifen die Klienten sich selbst.

Positive Entwicklung

Eine weitere Wirkung der Therapie mit Pferd: Das Tier fordert Selbstbewusstsein, es möchte geführt werden und wissen, wo es langgeht. Genau dieser Aufforderungscharakter sorgt für eine positive Entwicklung beim Menschen. Schwagrzinna erzählt davon, wie sie mit Kindern zusammengearbeitet hat, die verstummt waren und unter der Therapie angefangen haben, wie ein Wasserfall zu reden. Man sieht ihr an, wie das nicht nur dem Kind guttat, sondern auch ihr. Dennoch therapiert nicht das Tier, sondern der Mensch. „Das Tier öffnet die Türen“, sagt Anne Gelhardt. Sie ist Vorsitzende des Bundesverbands Tiergestützte Intervention BTI, der etwa 360 Mitglieder hat. Er trennt in Deutschland die Spreu vom Weizen und gibt Richtlinien vor. Wer einen zugänglichen Hund besitzt und mit ihm ein Seniorenheim besucht, mag dort vielleicht Freude auslösen. Für einen Therapiehund sollte er sein Tier dennoch nicht halten. Für ein nachhaltig wirksames Interagieren zwischen Mensch und Tier ist es wichtig, dass der Tierhalter selbst eine Ausbildung zum Therapeuten oder Pädagogen hat. Neben der artgerechten Haltung ist laut Gelhardt wichtig, dass Tiere ausgewählt werden, die mit Menschen sozialisiert werden können. Bei Delfinen, die von Natur aus im Meer leben und dort weite Strecken zurücklegen, sei das nicht möglich. Die Bilder von lachenden Kindern mit ihnen im Wasser vermitteln Lebensfreude und Hoffnung, beim genauen Hinsehen jedoch nur für die Menschen. Deswegen wird die in den USA beliebte Delfintherapie hierzulande von Therapeuten und Wissenschaftlern abgelehnt.

Pferde, Lamas und Schafe

Gut eignen sich hingegen neben Pferden und Lamas auch Nutztiere wie Schafe, Ziegen, Schweine und Hühner. Sogar ein Meerschweinchen kann, so Gelhardt, als Therapietier eingesetzt werden. Wie viele Therapietiere es in Deutschland gibt, lässt sich nicht genau sagen, aber die Arbeit mit ihnen liegt im Trend. Denn die Mitgliederzahlen im Verband BTI steigen. Mitglied kann nur werden, wer eine entsprechende Ausbildung hat. Auch Olga Weinert vom Lama Zentrum Berlin-Brandenburg in Stahnsdorf ist Mitglied beim BTI. Sie und ihr Mann Christian Giese legen großen Wert darauf, dass ihre Tiere bestmöglich versorgt sind, und halten sie artgerecht. „Sie leben gemäß ihrer natürlichen Herdenstruktur in offenen Ställen, haben genug Auslauf auf einer biodiversen Weide und können Freundschaften pflegen.“ Vor, hinter und neben mir liegen entspannte Tiere, die ihre bananenförmigen Ohren nach hinten geklappt haben und innere Ruhe ausstrahlen. Sehr verträumt sieht das aus. „Lamas sind Wiederkäuer und brauchen sehr viel Zeit für Fressen und Pausen“, so Weinert. Kurz: dafür, einfach Tier sein zu dürfen. „Das ist die Psychohygiene unserer Co- Therapeuten.“ Ziemlich vorwitzige Co-Therapeuten, deren zerzaustes Fell erstaunlich angenehm riecht. Doch woher bekommt man ein Lama? Weinerts Tiere stammen von einem Züchter aus Südtirol und stoßen nach ihrer Fohlenzeit als Jungtiere ungeprägt zu ihr. So stellt Weinert sicher, dass sie nur gute Erfahrungen machen und gemäß der Tierethik gewaltfrei und ohne Stress ausgebildet werden.

Sie selbst ist Therapeutin für klinische Kunsttherapie und Reittherapeutin. Auf die Lamatherapie ist sie vor Jahren im Urlaub aufmerksam geworden. Nachdem sie dort von Kollegen zu einem Trekking animiert worden war, war es um sie geschehen und zusammen mit ihrem Mann baute sie ihr Zentrum an der südlichen Grenze zu Berlin auf. Beide ließen sich zur Fachkraft tiergestützte Intervention ausbilden und machten anschließend die Weiterbildung Lamatherapie. Inzwischen stehen zwölf Lamas und drei Alpakas bei ihnen im Stroh.

Treue Begleiter

Da tragende Stuten oder Muttertiere mit Fohlen nicht in der Therapie eingesetzt werden und eine Geschlechtermischung eher für Unruhe in der Herde sorgen würde, hält das Lama Zentrum nur Hengste. Auch Lamas sind neugierige und menschenbezogene Tiere, sie wurden schon vor Jahrtausenden in der Andenregion als Lasttiere gezüchtet. Reiten kann man auf ihnen nicht, dafür, sagt Weinert, sind sie „treue Begleiter bei Wanderungen und vermitteln beim Führen das entschleunigte Gehen“. Außerdem wirken das Fühlen der weichen Fasern und die vom Tier ausgestrahlte Ruhe und Gelassenheit als Katalysator innerer Prozesse. Als ich meine Hände in das Lamafell stecke, sagt mein Inneres mir in der Tat, dass ich bereits viel gelassener geworden bin, seitdem ich zum Hoftor hereingekommen bin. Genau wie Pferde können Lamas helfen, die eigene Selbstwirksamkeit zu entdecken. Auf dem Trainingsplatz zeigt sich schnell, was damit gemeint ist. Das Lama, das Weinert führt, geht sofort mit ihr mit. Das andere an meiner Leine schaut noch ein bisschen in der Gegend herum. Nicht, dass es nicht bereit war, loszumarschieren. Doch meine zögerlichen Signale waren nicht genug, um es in Bewegung zu setzen. „Unsere Tiere unterstützen Menschen im natürlichen Biofeedback. Sie spiegeln die innere Befindlichkeit des Führenden und helfen bei Achtsamkeitsprozessen.“ Ein zweiter Versuch, selbstverständlich nicht mit Kraft, sondern Überzeugung und einem klaren Blick voraus, zeitigt dann doch mehr Erfolg, das Lama bewegt sich und läuft hinter mir her. Mal geradeaus, mal links, mal rechts. Wo ich entlanggehen möchte, geht es mit. Bingo.

Hilfe bei Kontaktaufnahme

Der beste Freund des Menschen bleibt trotz aller Niedlichkeit von Lama und Pony jedoch der Hund. Verena Keppler ist Ergotherapeutin in Krefeld und schwärmt von der Fähigkeit von Therapiehunden, eine Brücke zu den Patienten aufzubauen. So wie Elly, ihre Großpudeldame, sechs Jahre alt, schwarz-weiß gemustert und mit dem typisch lockigen Fell. Sie hilft Keppler dabei, Kontakt aufzunehmen. Eines der schönsten Erlebnisse in ihrer Zeit mit Hund – vor Elly gab es Rosa: Ein Schlaganfallpatient, von dem alle glaubten, er könne die eine Hand nicht mehr bewegen, hob diese doch hoch, um die Hündin zu streicheln. Wichtig sei es, so Keppler, dass der Hund einen stabilen Charakter habe, sich nicht leicht stressen lasse. Elly kommt laut Keppler mit neuen Situationen wunderbar zurecht, diese Offenheit sorgt dafür, dass sie die Therapiearbeit genießt. Mit Rosa hat Keppler eine intensive Ausbildung durchlaufen, mit Elly plant sie diese nun auch. Zwar hat ein Schaf allein noch niemanden aus einer Depression geholt oder ein Esel einen Schlaganfallpatienten geheilt. Sicher aber ist, dass Tiere in Verbindung mit der richtigen Anleitung Menschen dabei helfen können, zurück zur eigenen Kraft zu finden.

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Tipps für eine Tiertheraphie

  • Hat der Halter eine Ausbildung zum Pädagogen oder Therapeuten?
  • Kann das Tier die Situation verlassen, wenn es sich unwohl fühlt?
  • Kann ich die Situation verlassen, wenn ich mich unwohl fühle?
  • Wird das Tier artgerecht behandelt? Dazu gehört, dass es nicht verkleidet oder sonst wie vermenschlicht wird.

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