Von Zechen, Gänsen und Mohnkuchen

Eine Entenfamilie am Ufer der Ruhr

Auf dem Ruhrtalradweg in Nordrhein-Westfalen trifft Natur auf Industriekultur. Unsere Autorin nutzte ein langes Wochenende, um mit Eltern und Geschwistern gemeinsam eine Teilstrecke des Fahrradwegs entlang des Flusses zu erkunden. Lesen Sie hier von Bewährungsproben und Belohnungsstrategien.

Tag 1: Von Duisburg nach Essen-Werden. 40 Kilometer

Es geht endlich los. Aus allen möglichen Himmelsrichtungen kommend trifft sich Familie Meyer bei schönstem Maiwetter am Duisburger Hauptbahnhof. Dank der allseits bekannten Pünktlichkeit der Deutschen Bahn schwingen wir uns mit eineinhalb Stunden Verspätung auf unsere bepackten Räder, die wir teils im Zug transportiert, teils an der Radstation am Bahnhof ausgeliehen haben. Die Sonne strahlt, die Laune aller sechs Familienmitglieder ist gut und wir blicken mit Freude (zumindest die meisten von uns) auf die kommenden Tage, die wir auf dem Ruhrtalradweg verbringen werden.

Zuerst jedoch müssen wir uns über kleinere Schotterwege und größere Verkehrsstraßen nach Mülheim durchschlagen, um von dort auf den ausgeschilderten Radweg zu gelangen (Tipp 1: Fahrradtour in Mülheim starten). In Mülheim haben wir einige Probleme, den Radweg zu finden. Zusätzlich erschwert wird unsere Sucherei durch ein riesiges Stadtfest und konträr ausfallende Wegbeschreibungen einiger Festbesucher, die vielleicht zu früher Mittagsstunde schon das ein oder andere Bier zu viel hatten …

Auf dem Radweg angelangt, werden die anfänglichen Strapazen durch die erste wunderschöne Strecke an der Ruhr entlang wiedergutgemacht – ein erstes Eis und Kaffee tun das Übrige dazu. Die Ruhr schlängelt sich entlang von Wiesen, Rapsfeldern und kleineren Wäldchen. Die Luft duftet herrlich. Ziel des Tages ist das „Haus am Turm“, ein Tagungshaus in Essen-Werden oberhalb der Jugendherberge. Am frühen Abend treffen wir in Werden ein. Der Hunger treibt uns in ein Restaurant, in dem wir entspannt zu Abend essen, denn das letzte Stück zur Unterkunft scheint ein Klacks zu sein. Was wir bei der Planung aber missachteten: Laut Beschreibung liegt das Tagungshaus auf einer „Anhöhe“ – dies entpuppt sich jedoch zunehmend als purer Euphemismus. Unsere Waden müssen ganz schön ackern, bis wir die steile, nicht enden wollende Straße zu unserem Ziel bewältigt haben und nassgeschwitzt oben ankommen (Tipp 2: bei der Unterkunftswahl Höhenmeterkarten befragen und abwägen, ob die Energie nach dem Radfahren für einen Aufstieg reicht). Das Feierabendbier auf der Terrasse haben wir uns redlich verdient.

Tag 2: Von Essen-Werden nach Herdecke. 80 Kilometer

Der Start in den Tag ist super. Meine große Schwester hat Geburtstag und wir feiern diesen angemessen mit einem schönen Tagungsstätten-Geburtstagsfrühstück und mehreren Geschenken, die das Rad meiner Schwester nun einige Kilos schwerer machen werden (und das Meine etwas leichter – Gott sei Dank!). Die erste Strecke ist kinderleicht, denn wir müssen nur den Berg heruntersausen, den wir tags zuvor so mühsam hinaufgefahren sind. Der Ruhrtalradweg zeigt sich von seiner allerschönsten Seite. Lange geht es am Baldeneysee entlang – ein Paradies für Segler und Ruderer und dank des gut ausgebauten Radwegs eben auch für Radfahrer wie uns. Es geht immer weiter am Wasser entlang. Zwischendurch müssen wir zwangsweise pausieren, da eine Gänse-familie gemächlich den Radweg überquert und nicht daran denkt, sich von den wartenden Radlern beeindrucken oder gar hetzen zu lassen. Zu Mittag, nach 50 Kilometern, kehren wir in der Zeche Nachtigall ein, wo wir nach einem kleinen Mittagessen mit Schutzhelm und Grubenführer durch sehr niedrige Gänge die Steinkohlestollen erkunden. Mein Vater stößt sich prompt den Kopf (Tipp 3: Helme festzurren – die sind tatsächlich nicht nur zum Spaß da). Während der Führung erfahre ich, dass meine Namensgeberin (die Heilige Barbara) Schutzpatronin der Bergleute ist, dass es unter Tage verdammt kalt und zugig ist und dass elektrisches Licht eine Erfindung ist, die wir heutzutage viel zu wenig zu schätzen wissen. Unheimlich, wenn der Grubenführer auf einmal alle Lichter löscht – so eine Dunkelheit habe ich noch nie erlebt.

Nach diesem Erlebnis geht es weiter am Kemnader See entlang. Die Strecke zieht sich scheinbar endlos und wir müssen unsere Energiereserven erneut auftoppen. Meine kleine Schwester, die bislang nur schlecht gelaunt und im Schneckentempo weit hinter uns fährt, können wir zu einem Mohnkuchenstück überreden, das sie zunächst widerwillig annimmt, dann aber mit Heißhunger verspeist. Siehe da – ein Wunder geschieht. Die nächsten Stunden fährt sie uns energisch voraus und lacht zum ersten Mal (Tipp 4: Ernährungspläne und Diätvorhaben auf Radtouren über Bord werfen. Zuckerguss = gute Energie!). Die Route ist nun doch länger als erwartet. Ich hätte auch einen Mohnkuchen essen sollen … Meine Laune ist auf dem Tiefpunkt. Zum Glück hat meine Mutter eine grandiose Abkürzung entdeckt, um den nächsten steilen Anstieg bis zu unserer zweiten Unterkunft bei Herdecke zu umgehen: Am Hengsteysee fahren wir nicht wie gedacht auf der rechten Uferseite, sondern wechseln bei Boele auf die andere Seite. Die sogenannte „Abkürzung“ entpuppt sich als Bewährungsprobe für alle Familienmitglieder, denn kurz vor dem Ziel stehen wir am Fuße eines wirklich steilen und vor allem steinigen Wanderweges – der einzigen Möglichkeit für uns, ohne Umkehr den Bonsmann’s Hof zu erreichen (Tipp 5: Tipp 2 und 4 beherzigen – 250 Meter Höhenlage sind kein Kinderspiel). Der Aufstieg ist so steil, dass das Vorderrad ab und zu abhebt. Ich weine, meine kleine Schwester weint (trotz Mohnkuchen) und die anderen bewahren nur aufgrund ihres Alters die Fassung. Dank exzellentem Essen und viel eiskaltem Bier endet aber auch dieser Tag gut.

Tag 3: Von Herdecke nach Neheim. 60 Kilometer

Tag 3 beginnt wie Tag 2 recht anstrengungslos. Ein gutes Frühstück und kilometerlange abwärtsführende Serpentinen durch die Ruhrsteilhänge bei Syburg lassen unsere strapazierten Waden entspannt in den Tag starten (Tipp 6: Gute Bremsbeläge oder Wagemut sind Voraussetzung für diese Talfahrt – ideal ist eine Kombination aus beidem). Wir passieren regelmäßig alte Zechen, wunderschöne Backsteinbauten und Industriekultur. Auf der Hälfte der letzten größeren Etappe (man bedenke, dass hier keine Profiradler am Werke sind) picknicken wir an der Ruhr und halten ein kleines Schläfchen. Die Stimmung ist trotz schmerzender Muskeln ausgelassen. Am frühen Abend kommen wir über Schwerte und Wickede nach Neheim, wo wir ein privates Bed & Breakfast gebucht haben. Wir essen in einem wunderschönen Restaurant direkt an der Ruhr zu Abend, planschen mit den Füßen im Flussbett, flitschen Kieselsteine und verabschieden uns vom Ruhrtalradweg. Anschließend genießen wir den leckeren Rotwein, den meine Eltern aus dem Weinhandel ihres Vertrauens mitgebracht haben. Anscheinend hat meine Mutter ebenfalls ganz schön zu schleppen gehabt. Sie zaubert mehrere Flaschen des guten Traubenelixiers hervor (Tipp 7: der Mutter eine großvolumige Radtasche zum Geburtstag schenken – da passt viel hinein). Wir freuen uns über den lauen Abend auf der Terrasse, der schon den Sommer ankündigt, und über das Beisammensein der gesamten Familie.

Tag 4: Von Neheim zum Neheimer Bahnhof. Ein Kilometer

Nach einem letzten Frühstück in der Sonne geht es auf zum Bahnhof, der zum Glück nicht weit entfernt liegt. Mit gemischten Gefühlen steige ich in den Zug, der mich zurück nach Hause bringen soll – ich glaube, den anderen geht es ähnlich. Es hat viel Spaß gemacht, ein Stück des Ruhrtalradweges zu fahren. Die umgebende Landschaft ist wunderschön, immer wieder alte Backsteinbauten, Villen aus Industriezeiten und Zechen am Wegesrand, daneben die seicht dahinfließende Ruhr und viele Seen. Es gibt viel zu entdecken (vor allem, wenn man sich nicht strikt an den ausgeschilderten Radweg hält). Im Kreise der Familie hatten wir viel Spaß und dieses Erlebnis hat uns sicherlich ein Stück näher zusammenrücken lassen. Dennoch bleibt am Ende zu sagen, was vermutlich prototypisch für die meisten Familientreffen gilt: Es ist schön, wenn die Familie zusammentrifft, aber es ist auch schön, wenn dann jeder wieder seines Weges gehen darf.

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