Mütter und Töchter: eine Verbindung fürs Leben

Wohlfühltage 2020

Für die einen ist sie eine Freundin, für andere ein Vorbild, für viele einfach „Mama“. Keine andere Frau prägt uns Töchter so sehr wie die Mutter. Wir alle wünschen uns ein gutes, enges Verhältnis, doch das ist manchmal gar nicht so leicht. Wer die Beziehung verbessern will, muss sich für einige neue Wahrheiten öffnen. Und die Frage stellen: Mama, wer bist du eigentlich?

Mama und ich, wir stehen uns nah. Ja, sie könnte sogar meine Freundin sein. So ähnlich sind wir uns, so gut kann ich sie in vielem verstehen, so sehr freue ich mich mit ihr, wenn sie schöne Dinge erlebt und es ihr gut geht. Aber es steht auch etwas zwischen uns. Wir sprechen über persönliche Dinge, aber nie über uns. Manchmal kommt es mir vor, als trenne uns eine meterdicke Mauer. Dass wir damit nicht allein sind, bestätigt Psychotherapeutin und Autorin Claudia Haarmann. Wo oberflächlich guter Kontakt herrscht, brodeln manchmal unterschwellige Konflikte. Töchter fühlen nicht gesehen, Mütter fühlen sich missverstanden. In ihrem Buch „Mütter sind eben Mütter. Was Töchter und Mütter voneinander wissen sollten“ schreibt die Expertin: „Jede Mutter will das Beste für ihr Kind – doch es gibt etwas, was sie daran hindert, es ihm zu geben.“ Ich ahne, was sie damit meint. Schließlich bin ich, 32, seit drei Jahren selbst Mutter. Und ich sage es ganz ehrlich: Muttersein habe ich mir anders vorgestellt. Ich dachte wirklich, Mutterliebe und Dankbarkeit würden alles Negative in den Hintergrund rücken lassen. Doch neben der tiefen, unendlichen Liebe für mein Kind spüre ich tatsächlich oft: Schuldgefühle, schlechtes Gewissen, Ärger, Genervtheit. Aber auch ein wachsendes Verständnis für die Herausforderungen, die meine eigene Mutter erlebt hat, als ich Kind war.

Muttersein: eine Lebensaufgabe

Mutter zu werden, ist der schönste und härteste Job, den eine Frau annehmen kann. Mit der Geburt des ersten Kindes wird sie ohne Kündigungsfrist in den intensivsten Job des Lebens katapultiert, ohne Urlaub, Sonderzahlung und regelmäßiges Feedbackgespräch. Es scheint, als müsste Frau einfach alles können: im Job vorankommen und sich selbst verwirklichen, beste Freundin und leidenschaftliche Ehefrau sein, sich rührend um die Kleinen kümmern, gleichberechtigt einen Haushalt führen.
Die sogenannte gute Mutter beklagt sich nicht, wenn sie sich in all dem selbst kaum wiederfindet – schließlich hat sie es doch so gewollt, oder? Und überhaupt: Mütter haben doch Superkräfte. Allzu oft wird übersehen, dass hinter der personifizierten gesellschaftlichen Erwartung der guten Mutter ein Mensch steckt: mit widersprüchlichen Gefühlen, Träumen und Plänen – und vor allem geprägt von den aktuellen Lebensumständen und der eigenen Kindheit. Es gelten ganz simple Grundsätze: Wenn die Mutter unglücklich ist, gibt sie das an ihre Kinder weiter. Ist sie hingegen ausgeglichen und zufrieden, erleben Kinder eine ganz andere Mutter – so wie meine Freundin Eva.

Wenn Mama zur Chefin wird

Eva Maus sitzt ganz aufrecht und entspannt da, als sie mir beim gemeinsamen Abendessen von ihrer Mama erzählt. Die Steuerberaterinhat ein enges Verhältnis zu ihrer Mutter, seit zwölf Jahren arbeiten die beiden sogar zusammen. Als Eva elf Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Für Eva war klar, bei wem sie bleiben möchte. Schließlich war es stets ihre Mutter, auf die sich Eva und die jüngere Schwester, damals acht, verlassen konnten. „Sie hat schon immer selbstständig gearbeitet, sich um alles gekümmert und irgendwie alles im Griff gehabt, das kenne ich gar nicht anders“, erzählt die 36-Jährige. Wenn die Mädchen aus dem Kindergarten oder der Schule kamen, sei die Mutter da gewesen. Abends saß sie dann oft wieder am Schreibtisch. Für die Kinder da sein und für den Lebensunterhalt sorgen – diesen Spagat hat Evas Mutter über Jahre mit Bravour gemeistert. Ob ihre Mutter ein Vorbild für sie sei, frage ich Eva. Sie bejaht, ohne zu zögern.

Eine unbequeme Wahrheit

Wenn Eva von ihrer Kindheit erzählt, höre ich keinen Mangel heraus, keinen Groll, kein unbefriedigtes Bedürfnis nach Nähe – wie bei mir. Meine Mutter und ich haben kein schlechtes Verhältnis, ich hatte keine schlechte Kindheit. Doch ich hätte mir öfter mehr Nähe gewünscht. Als mir das bewusst wurde, ungefähr mit 18, war unsere Beziehungsdynamik schon ziemlich festgefahren. Jeder machte irgendwie sein eigenes Ding. Paradoxerweise konnte ich ihr wieder näherkommen, als ich auszog. Der räumliche Abstand bedeutete für uns einen Schritt aufeinander zu. Doch auch nach vielen guten, besseren Jahren habe ich noch immer Erwartungen an sie, die sie nicht erfüllen kann. Und ich leide mehr darunter, als mir lieb ist. „Unsere Rollendefinition rechtfertigt Erwartungen, die nie ein Ende finden. Sie verhindert, dass wir es mit unseren Ansprüchen und Wünschen irgendwann gut sein lassen“, schreibt Claudia Haarmann dazu in ihrem Buch. Sie erlebt oft, dass Töchter sich etwas von ihren Müttern wünschen, was diese einfach nicht geben können: mehr Nähe, mehr Freiraum, mehr Liebe. Wie kommt man da raus? Claudia Haarmann weiß Rat: „Indem man anfängt, ganz vorsichtig miteinander zu sprechen. Wahrheit öffnet. Wenn etwas ausgesprochen wird zwischen Müttern und Töchtern, wenn es wirklich benannt wird, sind alle entlastet.“ Voraussetzung für ein gutes Gespräch ist, dass man das Verhalten der Mutter aus einer anderen Perspektive sieht und sich selbst in die Rolle der Mutter hineinversetzt.

„Es hilft, zu verstehen: Die Mutter hat das nicht extra gemacht. Manches geschieht einfach, weil sie es selbst nie gelernt hat. Wenn sie uns nicht das geben kann, was wir brauchen, hat sie das auch nie von ihrer Mutter bekommen – da können Sie sicher sein“, sagt Claudia Haarmann. Das kommt mir bekannt vor: Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass in ihrer Kindheit eine unerträgliche Kälte geherrscht habe. Die Eltern hätten sich ständig gestritten, doch vor den Kindern versucht, das Bild der heilen Familie aufrechtzuerhalten. Damals erlagen viele Eltern noch dem Trugschluss, dass die Kinder schon nicht so viel mitkriegen würden – doch das Gegenteil ist der Fall. Kinder spüren genau, wenn etwas nicht stimmt. Und das Schlimmste: Sie beziehen das Verhalten der Eltern auf sich. Wenn diese nicht mit ihren Kindern darüber sprechen können, ihnen nicht die so sehr benötigte Sicherheit und Geborgenheit schenken können, bleiben die Kinder mit ihren Empfindungen allein. Mütter sind hier als meist primäre Bezugspersonen besonders gefordert.

Ein Lernprozess für beide Seiten

Bei Eva und ihrer Mutter scheinen Nähe und Distanz kein Thema zu sein. Die erweiterte Rollenverteilung – die Mutter als Chefin, die Tochter als Mitarbeiterin – hat das bereits enge Verhältnis nicht belastet, doch verändert. „Wir stehen uns noch immer sehr nah und sprechen eigentlich über alles. Gerade in stressigen Zeiten fliegen auch mal die Fetzen bei uns, aber das gehört einfach dazu. Wenn wir die Dinge nicht offen aussprechen und klären, ist keinem geholfen“, meint Eva. Wenn sie sich über etwas ärgert oder kritisiert fühlt, fragt sie einfach nach: „Wie meinst du das genau? Was stört dich?“ Durch Rhetorikkurse, Weiterbildungen und viel Übung im privaten Umfeld hat Eva ihre Art der Kommunikation verändert und damit auch auf ihre Mutter abgefärbt. „Erst war Mama ziemlich irritiert, wenn ich unangenehme Dinge offen ausgesprochen habe. Aber mit der Zeit hat sie das annehmen und auch selbst ausprobieren können“, berichtet Eva. In diesem Jahr übernimmt sie die Leitung des Steuerbüros von ihrer Mutter, die etwas kürzertreten möchte. Dass die neue Rollenverteilung auch Konflikte mit sich bringen wird, bereitet Eva keine Sorgen. Sie weiß ja, dass sie darüber reden können – und dann findet sich bestimmt eine Lösung.

Sag mir, wer du bist!

Es klingt so einfach: Der Schlüssel zu einer besseren Beziehung ist immer Kommunikation. Jeder kann seine Meinung sagen, jeder fühlt sich gehört – eine Winwin- Situation für alle. Je mehr ich mich damit auseinandersetze, desto mehr reift in mir eine schmerzliche und doch heilsame Erkenntnis: Meine Mutter hat ihr Bestes gegeben. Sie ist nicht schuld, dass ich mir mehr Nähe gewünscht hätte. Und ich bin nicht schuld, dass ich mich irgendwann nur noch zurückgezogen habe. Es geht nicht um Schuld – es geht um Liebe. Die Liebe war da, immer. Mama konnte sie nur nicht immer so ausdrücken, wie ich es gebraucht hätte, und genauso wenig konnte ich es. Meine Mutter wusste manches nicht besser, und selbst wenn sie es getan hätte, so hätte sie doch nicht alles richtig machen können. Sie war die beste Mutter, die sie sein konnte – und das ist gut genug. Ich bin jetzt 33 und habe meine eigene Familie. Es wird Zeit, dass ich die Verantwortung für mich übernehme. Dass ich lerne, mich endlich richtig selbst zu lieben, statt die Liebe im Außen zu suchen. Dass ich ihr sage, was ich fühle. Dass ich ihr sage: Mama, ich verstehe dich jetzt. Ich sehe die erwachsene Frau, die verpassten Chancen, das kleine Mädchen in dir. Lass uns bald mal essen gehen, nur wir zwei. Und dann erzählst du mir, wer du eigentlich bist. nh //

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zehn − 2 =