Kolumne: Wisch die Sorgen weg!

Redakteurin Linda Benkner gibt sich jedes Jahr dem Frühjahrsputz hin und fragt sich hier, warum.

Redakteurin Linda Benkner gibt sich jedes Jahr dem Frühjahrsputz hin und fragt sich hier, warum.

Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen packt mich regelmäßig die Lust, meine eigenen vier Wände von altem Staub zu befreien und jede Menge Raum für Neues zu schaffen. Warum ist das so – und ist das eigentlich noch zeitgemäß?

Kürzlich las ich in einem Unterhaltungsmagazin, der gute alte Frühjahrsputz sei überholt. Der Durchschnittsdeutsche habe keine Zeit für ausgedehnte Schrubberei – er wische lieber öfter mal zwischendurch oder stelle gleich dauerhaft eine Putzkraft ein. Da fragte ich mich: Stimmt das? Und: Warum bin ich nicht so? Bin ich ein Relikt vergangener Traditionen? Und wann – verdammt – kommen die anderen dazu, unzugängliche Ecken hinter den Heizkörpern sauber zu machen?

Eine Studie von deals.com beruhigte mich: 2014 gaben 81 Prozent der deutschen Frauen und 74 Prozent der deutschen Männer darin an, dass sie zumindest den Vorsatz fürs große Putzen und Ausmisten im Frühling gefasst haben. Immerhin! Ich nehme es mir nicht nur vor, ich ziehe die Sache jedes Jahr großformatig durch – das Radio voll aufdrehen und die erste Frühlingssonne anlächeln, viele Dreckschichten von den Fenstern kratzen, mich beim Wischen vor dem von Schränken herunterrieselnden Staub ducken, mit spitzen Fingern in den Kleiderschrank eintauchen und olle Kleidung herausfischen, das gehört zu meinem Standardprogramm. Und es macht mir richtig Spaß! Fühlt sich auch wie eine innere Befreiung von alten Dingen und Alltagsroutinen an. Ein Wisch mit dem Putzlappen und die Fläche schaut direkt wie neu aus, toll! Mehr Platz im Schuhregal, großartig! Ich fühle mich innerlich geordneter und schaffe Raum für Neues.

Ein Gefühl der Befreiung gaben in oben genannter Studie auch etwa die Hälfte der Teilnehmer an – wenngleich über 20 Prozent zugestanden, dass es ihnen schwerfalle, Dinge wegzuwerfen. Auch das kenne ich nur zu gut. Daher befolge ich den Tipp eines schlauen Ratgebers und sortiere die Dinge, von denen ich mich nicht trennen möchte, zunächst in eine Kiste. Wenn diese innerhalb eines Jahres nicht mehr aus dem Keller hervorgezogen wird, würde ich sie aussortieren (würde, denn ich finde kurz vor Ablauf der Frist mit Sicherheit eine Gelegenheit, das Aussortierte einzusetzen).

Natürlich habe ich mich auch schon gefragt, warum wir gerade im Frühling so motiviert sind, zu putzen. Neben dem Offensichtlichen, dass das Fensterputzen ohne Wollhandschuhe, aufgeplusterte Daunenjacke und eingefrorenes Lächeln mehr Freude bereitet. Und bitte auch ohne schmierige Sonnencremehände, wackliges Bikinioberteil und drohenden Hitzschlag. Der Drang zum Aktivismus scheint tief in uns zu liegen: Denn mit mehr Tageslicht steigt auch die Produktion des als stimmungsaufhellend geltenden Hormons Serotonin, während der Melatoninspiegel, der uns müde und träge macht, sinkt. Und weil ich mich nicht gegen die natürlichen Gegebenheiten auflehnen möchte, heiße ich ihn willkommen, den Frühjahrsputz, kremple die Ärmel hoch und die Nachbarschaft weiß Bescheid, dass die wärmere Jahreszeit anbricht, wenn mein fröhlicher Singsang über die offenen Fenster in den Hinterhof schallt. //

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