Kolumne: Die lieben Nachbarn

Nachbarschaftsstreit

Fast jeder Zweite in Deutschland hatte schon mal einen Nachbarschaftsstreit, das zeigt eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2017. Dabei leben die streitlustigsten Menschen in Hamburg, die in Bayern und Berlin mögen sich am liebsten. Auch unsere Autorin hat ihre Nachbarn mittlerweile liebgewonnen. Meistens jedenfalls. 

Erinnern Sie sich noch an „Maschendrahtzaun in the Morning“? Mit diesem Song landete Stefan Raab 1999 einen Hit und machte den Nachbarschaftsstreit zu einem vieldiskutierten Thema. Ich amüsierte mich damals zwar mit, verstand die Aufregung aber nicht so recht. Mit knapp 18 Jahren war mein Motto eher „Leben und leben lassen“, Nachbarschaftsstreitigkeiten kannte ich höchstens aus Erzählungen älterer Verwandter. Meine Gedanken galten mehr meinem Führerschein und der nächsten Party.

Mittlerweile lebe ich mit meiner Familie in einer Wohnung mit großem Garten, der an vier Nachbarhäuser grenzt, und bin um einige Erfahrungen reicher. Leider und glücklicherweise – ein bisschen ambivalent ist das Ganze nämlich schon. Da gibt’s zum Beispiel den Nachbarn rechts von uns – ihm verdankten wir jahrelang den wunderschönen Ausblick auf Berge angehäufter (Schrott-)Sammlerstücke. Mehr als einmal haben wir uns nach unserem Einzug gefragt, ob schon wieder Sperrmüll ist. Seit einiger Zeit wachsen nun auf unserer Seite des Gartens ein paar hübsche dichte Büsche, die den Blick auf den Nachbargarten verdecken. Ansonsten hoffen wir einfach, dass eventuelle Bewohner der Müllhügel bleiben, wo sie sind …

Und dann ist da der Sohn der Nachbarn linker Hand, von dem wir vermuten, dass er für eine kommende Musikerkarriere übt. Bevorzugt abends und am Wochenende dürfen wir den Klängen verschiedenster Instrumente lauschen. Flöte, Cello, Posaune – Instrumente-Raten macht ja auch Spaß, oder? Immerhin wird aus den anfangs ziemlich schiefen Tönen so langsam etwas wie eine Melodie. Trotzdem nervt das manchmal ziemlich. Lärmbelästigung ist laut den Ergebnissen der Forsa-Umfrage mit 74 Prozent übrigens auch der häufigste Grund, warum Nachbarn streiten, gefolgt von der Aufregung über falsch geparkte Autos (53 Prozent) und nicht eingehaltene Nachbarschaftspflichten (52 Prozent). Störende Haustiere rangieren mit 48 Prozent auf Platz vier.

Womit wir auch schon bei Nachbar Nummer drei wären, der anscheinend lieber Hundezüchter als Finanzbeamter geworden wäre. Mittlerweile gewährt er mindestens fünf Hunden Obdach, die sich bei den täglichen Gartengängen immer wie wild gebärden und für Tierheim-Feeling in der gesamten Nachbarschaft sorgen. Gut zu wissen für alle, die ähnliche Probleme haben: Laut Gesetz dürfen Hunde täglich nur 10 Minuten am Stück und 30 Minuten insgesamt bellen. Mehr als einen dezenten Hinweis haben wir allerdings noch nicht platziert – man wohnt ja schließlich noch länger nebeneinander. Das Musizieren müssen wir ebenso hinnehmen, denn es gehört zur verfassungsrechtlich geschützten freien Entfaltung der Persönlichkeit, ein Instrument zu spielen und zu üben. Außer nachts von 22 bis 7 Uhr und mittags von 13 bis 15 Uhr darf rund zwei bis drei Stunden musiziert werden, solange eine gewisse Lautstärke nicht überschritten wird. Wir genießen also weiterhin die Konzerte aus dem Nebenhaus.

Hintenraus, nur getrennt durch einen Maschendrahtzaun, wohnen dann noch „die Griller“. Da wir jedoch im Sommer selbst leidenschaftlich gern unsere Feuerschale bestücken, ergänzen wir uns ganz gut und grillen manchmal einfach gemeinsam. Wir halten Schwätzchen und zu Geburtstagen stoßen wir mit einem Glas Prosecco über den Zaun an. Und – ich traue es mich eigentlich gar nicht zuzugeben – wir haben sogar schon mal gesagt: „Der Maschendrahtzaun, der müsste eigentlich weg!“ rs //

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