Hausbooturlaub: Ein irisches Sommermärchen

Den Anker werfen, wo es beliebt , und direkt von Bord ins Wasser hüpfen - einfach großartig!

Umgeben von naturwüchsiger, grün-blauer Landschaft – und engstem Raum an Bord. Sechs Urlauber zwischen Faszination und Familienprobe: Logbuch einer Reise zu Wasser.

53° 56′ N, 8° 5′ W
Tag #1, 6. Juli, 19 °C
Startpunkt: Carrick-On-Shannon
Ankunft an der Marina, irischer Nieselregen. Vorfreude, gemischt mit mulmigem Gefühl. Ich habe allergrößten Respekt vor der Enge im Inneren unseres Boots – ich gebe zu, ich bin verwöhnt – und der Größe der äußeren Hülle unserer „Magnifique“. Denn ich, die nicht mal ein Ruderboot gerade steuern kann, soll bei der Probefahrt ans Steuer. „Hier muss jeder mit anpacken!“, mahnt der Kapitän – mein Papa. Klappt wider Erwarten problemlos, macht sogar Spaß – das Motorboot lässt sich leicht steuern. Da die meisten Familiencrewmitglieder nicht im Besitz eines Segel- oder Bootsführerscheins sind, heißt es antreten vor den Käpt’n zum Knotenüben, damit wir an den irischen Häfen über Nacht anlegen können. Doch dann ein großer Rückschlag: Das WLAN an Bord funktioniert nicht! Vier entsetzte Gesichter, zwei zufriedene: „Da können die Handys doch mal ausbleiben.“ Ganz toll, liebe Eltern. Etwa 170 Kilometer Strecke liegen vor uns. Ist es verwegen, die Katastrophe schon vorauszuahnen?

53° 45′ N, 7° 55′ W
Tag #2, 7. Juli, 25 °C
Zielhafen: Termonbarry
Gruß an die Sonne: Der Tag beginnt mit Yoga auf den Holzdielen des Stegs und einer wunderbaren sauberen Dusche im Hafen. Unser Boot legt ab. Wir sind „on the float“ und genießen die Aussicht auf saftig-grüne Wiesen und schläfrige Kühe. Herrliche Stille! Bis zur ersten Schleuse. Bis die sich öffnet, muss das Boot angetäut werden. Der Kapitän ist nervös: Er misstraut den Fähigkeiten der Jugend. Mein Bruder springt vom Boot, meine Cousine wirft ihm das Tau zu, läuft alles super. Die Schleuse öffnet sich und der Kapitän brüllt Befehle. Beim Fuchteln mit den Tauen stolpert er und platscht ins Wasser. Fünf Augenpaare starren entsetzt hinterher, während der irische Schleuser dem Familienoberhaupt mit geübter Hand einen Rettungsring zuwirft und seine Habselig-keiten mit einem Bootshaken aus dem Wasser fischt. Resultat: die Kapitänsmütze und der Papa triefend nass. Morgen wartet bestimmt Bauchmuskelkater vom vielen Lachen auf uns!

53° 25′ N, 7° 57′ W
Tag #3, 8. Juli, 27 °C
Zielhafen: Athlone
Für das irische Wetter gilt, dass es sehr beständig ist – sicher ist, dass es sich ändern wird. Bei uns steigt die Temperatur steil nach oben. Windstille. Auf die sommerliche Durchschnittstemperatur von 15 Grad Celsius kann man sich gerade nicht verlassen. In meinem zwei Quadratmeter großen Teil der Kajüte stapeln sich Fleecejacken und Regenschutzkleidung, wo es zwei Bikinis auch getan hätten. Bin fast enttäuscht. Wenn ich knackig braun zurückkehre, glaubt mir doch niemand, dass ich auf der grünen Regeninsel war?!? Gereizte Stimmung an Bord: Der Kapitän weiß alles besser, ich natürlich auch. Zum Beispiel wie die Nudeln am schnellsten kochen, wenn alle ausgehungert sind. Musste leider im Nachhinein feststellen, dass es unerheblich ist, wann das Salz hinzugefügt wird – hatten zu dem Zeitpunkt immer noch kein WLAN und waren somit gezwungen, unser Hörensagen auszudiskutieren.

53° 19′ N, 8° 14′ W
Tag #4, 9. Juli, 28 °C
Zielhafen: Ballinasloe
Haben heute dem Kloster Clonmacnoise einen Besuch abgestattet, zwischendurch Bewegung schadet nicht, um der Enge an Bord für ein paar Stunden zu entkommen. Jeder erkundet das Gelände für sich, tut mal ganz gut, der Abstand. Bin dann aber froh, wieder an Bord zu sein: weg von den lärmenden Touristen an Land. Am frühen Abend mein schönstes Urlaubserlebnis: unsere Badepause im River Suck. Weit und breit ist niemand zu sehen, wir werfen den Anker aus und springen vom Boot ins Wasser. Die Sonne glitzert an der Wasseroberfläche. Ich vergesse alles um mich herum und versinke in den Grün- und Blautönen der Bäume und Wiesen, des Wassers und des Himmels.

53° 5′ N, 8° 13′ W
Tag #5, 10. Juli, 32 °C
Zielhafen: Portumna
Irischer Kulturausflug die zweite: Wir besuchen eine Befestigungsanlage an der Shannonbridge und erfahren jede Menge über Besatzungskrieg und Torfstechen. Mittags gibt es Irish Stew bei 32 Grad im Schatten! Nun ja. Sonnencreme ist in allen Läden ausverkauft, unsere natürlich längst leer. Von wegen 15 Grad Irish Summer … Zurück an Bord müssen wir uns mit nassen Handtüchern behelfen, die wir um den Kopf wickeln – sonst ist es beim Steuern an Deck zu heiß. Wer kann, verzieht sich nach unten. Mein Bruder ist gereizt, stößt sich unten ständig den Kopf an den niedrigen Decken und Winkeln. Ich klettere nach oben und lege mich bäuchlings auf den Bug, schaue ins entlangströmende Wasser und lasse meine Gedanken fließen – herrlich.

52° 48′ N, 8° 26′ W
Tag #6, 11. Juli, 30 °C
Wir durchqueren Lough Derg – toll, wenn der Shannon vom Fluss zum See übergeht, bis er nach 38 Kilometern wieder ganz eng wird. Zwischenstopp in Garrykennedy: Hier gibt es einen ganz tollen Naturpfad! Auf dem Dschungelweg ranken rote trichterförmige Blüten, verwilderte Brücken legen sich über ein Flüsschen. Eskalierende Diskussion beim Mittagessen – es stimmt: Über Politik spricht man nicht. Schon gar nicht, wenn einen die Enge des Boots erwartet, wo wir uns schwerlich aus dem Weg gehen können. Abends duschen im Hafen: Meine Mama als Erstes, sie zittert im eiskalten Wasser. Dann meine Cousine, die sich an heißem Wasser verbrüht. Ich habe mehr Glück, meine Duschkabine ist auf die Temperatur gekommen: Ich genieße den lauwarmen Strahl. Abends finden wir uns in der Altstadt von Killaloe in einem urigen Pub wieder. Es ist das älteste Pub Irlands (das gibt es komischerweise in jedem Örtchen, angeblich). Friede, Freude, Livemusik – nur an den Geschmack von Guinness kann ich mich einfach nicht gewöhnen.

53° 5′ N, 8° 13′ W
Tag #7, 12. Juli, 24 °C
Heute habe ich auf dem Boot geduscht. Das ging ganz gut, obwohl es recht eng ist. Aber bei der Endreinigung des Bads passierte es, am letzten Tag: Der Klodeckel steht auf, damit der Sitz trocknet. In dem Moment flutscht mir das ovale Seifenstück aus den Fingern, schießt im hohen Bogen nach oben und steuert direkt runter in die Kloschüssel. Es ist mir gelungen, sie herauszufischen. War zum Glück sauber, aber schön war’s nicht. Während wir darauf warten, dass unser Mietobjekt abgenommen wird, kommen wir mit der Familie des Nachbarboots ins Gespräch – eine alleinerziehende Mutter mit drei Jungs im Teenageralter. Alle vier fix und fertig, die Enge, das fettige Essen in der Hitze, die Diskussionen. Den Urlaub hatten sie sich nicht so anstrengend vorgestellt. Ich fühle mich trotz allem tiefenentspannt und bin traurig, dass die Tage so schnell vorbeigingen – die Abende in den Pubs, die bunten Häuser, die Gastfreundschaft der Iren und die blau-grünen Farbtöne werde ich vermissen.

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