Überstrapazierte Mittel

Antibiotikatabletten

Antibiotika haben einerseits unzählige Menschenleben gerettet. Andererseits werden sie zu häufig verordnet. Wann ist die Einnahme wirklich ratsam?

Sie wollen zwar gesund werden, aber nicht mit allen Mitteln: Schätzungsweise einmal in der Woche hat Allgemeinmediziner Thomas Schips in seiner Heidelberger Praxis mit Patienten zu tun, die skeptisch werden, wenn er ihnen ein Antibiotikum verordnet. Ob es denn unbedingt sein müsse, wollen sie dann beispielsweise wissen, oder ob es keine pflanzlichen Alternativen gebe. Erst kürzlich suchte ihn eine junge Mutter in seiner Praxis auf, deren Kleinkind eine schwere Bronchitis hatte. Der Hausarzt verschrieb ihr ein Antibiotikum, aber er musste einiges an Überzeugungsarbeit leisten, bis sie das Medikament für ihren Sohn akzeptierte. 

Nicht immer ein Muss

Normalerweise freut sich Thomas Schips über jeden Patienten, dem er kein Antibiotikum verordnen muss.

Aber es gibt Ausnahmen, und zu ihnen gehörte der Junge. Fakt ist, dass Antibiotika in den vergangenen 70 Jahren unzählige Leben gerettet haben, die durch Infektionskrankheiten bedroht -waren. Fakt ist aber auch, dass sie oft geschluckt werden, ohne dass -es nötig wäre. In Deutschland werden jedes Jahr rund 40 000 Packungen verschrieben. Jede dritte Verordnung müsste nicht sein, wie Studien zeigen. Aus Befragungen geht hervor, dass eine Bronchitis der häufigste Anlass für eine Verschreibung von Antibiotika ist – eine Erkrankung also, hinter der fast immer Viren stecken.

Gegen Viren können Antibiotika bekanntlich nichts ausrichten. Und dennoch gibt es auch bei der Bronchitis Fälle, in denen die Einnahme sinnvoll sein kann: wenn sich zu der Infektion durch Viren eine durch Bakterien hinzugesellt, was Ärzte als bakterielle Superinfektion bezeichnen. Ein Abstrich kann Aufschluss darüber geben, mit welcher Art von Erreger man es zu tun hat. Wenn eine Laboruntersuchung aber zu lange dauert, kann auch der ausgehustete Schleim die entscheidenden Hinweise liefern: Eine gelbliche oder grünliche Färbung deutet auf eine Bakterien-Infektion hin. So war es auch bei dem Jungen. In einem solchen Fall kann mit einem Antibiotikum nicht nur die Erkrankung abgekürzt, sondern auch Schlimmeres verhindert werden. „Vor allem bei Bakterien-Infektionen muss man manchmal eine Lungenentzündung abwenden“, sagt der Mediziner. 

SUCHE NACH DEM PASSENDEN ANTIBIOTIKUM

Lungen- und Hirnhautentzündungen, Harnwegsinfekte oder Blutvergiftungen – das sind Erkrankungen, die schnelles Handeln erfordern. „Wenn andere Mittel keine Besserung bringen und es lebensbedrohlich wird, dann ist ein Antibiotikum angebracht“, sagt Thomas Schips. Dann steht er vor der Aufgabe, aus einer Vielzahl zugelassener Antibiotika ein möglichst passendes auszuwählen. Zunächst ist dafür der Ort der Infektion entscheidend: „Ein Antibiotikum, das in der Blase wirken soll, muss auch über die Blase ausgeschieden werden. Eines, das im Darm wirken soll, darf nicht vorher vom Blut aufgenommen werden.“ Außerdem bezieht der Hausarzt in seine Überlegungen ein, um welche Art von Bakterium es sich handeln könnte, und er vergewissert sich, ob Allergien des Patienten auf bestimmte Wirkstoffe bekannt sind. All das erklärt auch, warum man keine Antibiotika einnehmen soll, die jemand anderem verordnet wurden. 

WENIGER IST MEHR

Manchmal hat der Hausarzt auch mit Patienten zu tun, die unbedingt ein Antibiotikum haben wollen. Dann prüft er den Einzelfall und wägt ab, ob es wirklich sein muss. Denn zum einen bekommen die anpassungsfähigen Bakterien bei jedem Kontakt mit den Medikamenten eine neue Gelegenheit, dagegen unempfindlich zu werden. Werden solche resistenten Bakterien weiterverbreitet, wirkt ein Antibiotikum bald bei ganzen Bevölkerungsgruppen nicht mehr – was allein in Deutschland jedes Jahr mindestens 10 000 Menschenleben fordert. Zum anderen gelangt jedes Antibiotikum früher oder später in den Darm, wo ihm nützliche Bakterien zum Opfer fallen; Durchfälle und ein geschwächtes Immunsystem können die Folge sein. Joghurt oder auch Präparate mit Milchsäurebakterien können dazu beitragen, die Darmflora widerstandsfähiger zu machen. Wenn sich aber ein Pilz im Darm breitmacht, reichen Aufbaukuren oft nicht, um ihn wieder loszuwerden.

Wenn Patienten der Hals kratzt, die Nase läuft oder das Ohr wehtut, rät der Hausarzt meistens von Antibiotika ab – selbst wenn er mitunter Bakterien verdächtigt, hinter der Erkrankung zu stecken. Dadurch mag es ein oder zwei Tage länger dauern, bis der Infekt auskuriert ist, aber eines ist erreicht: die Mittel nicht weiter überzustrapazieren.

Experten-interview

3 Fragen an Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Klaus Aktories, Pharmakologe aus Freiburg

Herr Professor Aktories, manche Stimmen warnen aufgrund der vielen Resistenzen vor einem post-antibiotischen Zeitalter. Wie alarmierend ist die Situation?

Sehr alarmierend. Bakterien bilden bestimmte Enzyme, die ganze Gruppen von Antibiotika unwirksam machen können. Hinzu kommt, dass Resistenzen auch zwischen Bakterien übertragen werden. Die Folge: Nicht nur einzelne Antibiotika sind wirkungslos geworden, sondern ein ganzes Arsenal von ihnen.

Könnte die Pharmaindustrie nicht einfach mit neuen Mitteln darauf reagieren?

Das tut sie, in jüngster Zeit kamen ein paar neue Substanzen auf den Markt. Sie basieren aber ganz überwiegend auf alten Wirkprinzipien. Neue Mechanismen zu finden, kostet nicht nur viel Geld, sondern auch viel Zeit.

Wie konnte sich die Problematik in den vergangenen zehn Jahren derart verschärfen?

Sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin wurden mehr und mehr Antibiotika eingesetzt. Inzwischen gibt es Erreger, gegen die Breitband-Antibiotika nicht mehr wirken. Wenn es bei der Behandlung auf jede Minute ankommt, ist das besonders prekär.

 


 

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