Was ist Tanorexie?

Tanorexie

Der Gang ins Solarium oder das ausgedehnte Freiluft-Sonnenbad beginnen zunächst oft mit dem Wunsch nach einem sommerlichen Teint. Wenn daraus jedoch eine Abhängigkeit wird, ist das für die Haut brandgefährlich. 

Vor rund 100 Jahren soll die Modedesignerin Coco Chanel die Weichen dafür gestellt haben, dass gebräunte Haut salonfähig wurde. Die Pariser Modeikone vergaß in den 1920er-Jahren an der Côte d’Azur, ihre Blässe mit einem Sonnenschirm zu beschützen. Gebräunt setzte Chanel einen Trend, zumindest in der westlichen Welt. Was bis dahin charakteristisch für Landarbeiter war, wurde nun stilprägend. Und bis heute steht ein sommerlicher Teint für Vitalität, Aktivität und Sinnlichkeit.

Die Lust am Sonnenbad hat wohl vor allem mit diesem Schönheitsideal zu tun, dazu ist die Wärme eine Wohltat. Wer könnte sich nicht daran gewöhnen? Und wo der Himmel keine Sonne preisgibt, hilft das Solarium aus. Wenn das Streben nach Bräune zur Sucht wird, sprechen Fachleute von Tanorexie. Das Kunstwort setzt sich zusammen aus „tan“, dem englischen Wort für Hautbräune, und dem altgriechischen „orexis“, Verlangen.

Wirkt die Sonne wie ein Opiat?

Die Sucht nach Sonne wird von mehreren Faktoren begünstigt. Dazu gehören genetische Ursachen, aber Fachleute ziehen auch die euphorisierende Wirkung der Strahlung in Betracht. So könnten Solariumbesuche über die Ausschüttung von Endorphinen zu Glücksgefühlen führen, argumentieren sie, und ein Ende der Sonnenbäder resultiere in Entzugserscheinungen wie Nervosität, Gereiztheit und depressiven Verstimmungen. Manche vergleichen die Wirkung der Sonnenbank sogar mit der von Opiaten.

Die Tanorexie, die in den gängigen Diagnosekatalogen bisher nicht als eigenständiges Krankheitsbild erfasst ist, kann mit psychischen Störungen verbunden sein. Beispielsweise mit Zwangsstörungen oder mit körperdysmorphen Störungen, wobei Patienten auf echte oder einge­bildete Defekte ihres Aussehens fixiert sind – in diesem Fall auf ihre Blässe. Dann sorgt die Bräunung bei ihnen für Selbstbewusstsein.

In einer 2018 veröffentlichten Studie aus Norwegen ermittelten Psychologen, welche Persönlichkeitsmerkmale und welche Lebensumstände das maßlose Verlangen nach Bräune weiter fördern. Ergebnis: Frauen entwickeln eher eine Tanorexie als Männer, jüngere Menschen eher als ältere, Singles eher als in Beziehungen Gebundene, Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad eher als jene mit einem höheren Abschluss. Was die Persönlichkeit anbelangt, sind extrovertierte ebenso wie nervöse Menschen besonders empfänglich für die exzessive Bräunung.

Oft Zufallsbefund

Meist ist die Bräunungssucht selbst kein Grund für die Patienten, Hilfe zu suchen. Oft ist sie daher ein Zufallsbefund. Dermatologen oder auch Psychotherapeuten entdecken sie im Rahmen der Behandlung einer anderen Erkrankung. Besonders die Haut ist es, die leidet. Dass UV-Strahlen Hautkrebs begünstigen, ist unbestritten, und die Zahl der Neuerkrankungen steigt seit Jahren. Jedes ausgiebige Sonnenbad erhöht das Risiko einer Erkrankung, egal ob unter freiem Himmel oder unter der Röhre. Nach Angaben der Deutschen Krebshilfe verdoppelt sich das Risiko, am schwarzen Hautkrebs zu erkranken, schon, wenn Solarien bis zum Alter von 35 Jahren regelmäßig einmal im Monat besucht werden. Viele Sonnenhungrige suchen sie jedoch häufiger auf, wöchentlich oder gar täglich. Vor allem deshalb besteht Handlungsbedarf. Eine Standardtherapie zur Behandlung der Sucht gibt es jedoch nicht. Psychotherapie kann helfen, gegebenenfalls kommen auch Medikamente wie Antidepressiva in Betracht.

Im besten Fall natürlich führt der Sonnenhunger erst gar nicht in die Sucht. Und immerhin sind sich die Menschen der Schädlichkeit der maßlosen Bestrahlung zunehmend bewusst. In Umfragen geben acht von zehn Menschen in Deutschland an, sich vor zu hoher UV-Strahlung zu schützen, auch wenn der eine oder andere Sonnenbrand im Sommer trotzdem nicht ausbleibt. Und Solarien finden schon seit der Jahrtausendwende deutlich weniger Zuspruch. Bis Blässe wieder als chic gilt, mag es noch dauern – der Haut täte es jedenfalls gut. jl //

Wie viel Strahlung darf es sein?

Sonnenlicht ist eine Wohltat und unser Körper braucht es auch – unter anderem für die Bildung von Vitamin D. Dafür reichen allerdings geringe Dosen. Das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt, Gesicht, Hände und Arme zwei- bis dreimal wöchentlich ungeschützt der Sonne auszusetzen – und zwar für die Hälfte der Zeit, die zu einem Sonnenbrand führt. Bei hellem Hauttyp sind das im Sommer zwölf Minuten. Ansonsten gilt: nur eingecremt in die Sonne, Mittagssonne meiden.

Seit 2009 sind Solarien für Minderjährige tabu. Nicht ohne Grund: Rund fünf Prozent aller neuen Melanom-Erkrankungen gehen auf die Besuche von Solarien zurück. Das Bundesamt weist darauf hin, dass Solarien keinen Beitrag zur Bildung von Vitamin D leisten. Im Gegenteil: Die UV-A-Strahlung, die in Solarien höher ist als in der Sonne, fördert sogar dessen Abbau. Auch von einer „Vorbräunung“ durch künstliche Sonnenstrahlen rät die Behörde ab.

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